Alle Kommentare geben ausschliesslich die Meinung und Einschätzung des Verfassers wieder, nicht eine Stellungnahme des Thüringerwald-Vereins Coburg.

Coburg 90 Jahre beim Freistaat Bayern

 

Kann es sein, dass ein solcher Anlass schon einmal weniger verhalten begangen wurde, beim 60jährigen, 70jährigen, 80jährigen Jubiläum etwa? Die einzige offizielle Veranstaltung, welche ich wahrnehmen konnte, ist eine Ausstellung im Staatsarchiv, noch dazu relativ kurzzeitig, nämlich  vom 01. Juli bis 27. August  dieses Jahres. Die Eröffnung dieser Ausstellung war also genau 90 Jahre, nachdem der Anschluss wirksam geworden war.

Hierzu der offizielle Text:

vor 90 Jahren erfolgte mit Wirkung zum 01. Juli 1920 gemäß den Bestimmungen des Anschlussvertrages vom Februar dieses Jahres der Beitritt des Freistaats Coburg zum Freistaat Bayern. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie am Ende des Ersten Weltkriegs war damit auch eine Neuordnung der politischen Landschaft im thüringisch-fränkischen Raum verbunden. Deren Ergebnis war die Vereinigung der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aufgelösten Herzogtümer Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Meiningen, Sachsen- Altenburg, Sachsen-Gotha, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg- Sondershausen, Sachsen-Coburg sowie Reuß bzw. neu begründeten thüringischen Freistaaten zu einem Gesamtstaat Thüringen. Demgegenüber entschied sich die Bevölkerung des Freistaats Coburg in einer Volksabstimmung im November 1919 mit überwältigender Mehrheit für die Orientierung nach Bayern. Die Voraussetzungen und Ergebnisse dieser Entwicklung werden am Beispiel ausgewählter Dokumente in der von Stadtarchiv und Staatsarchiv Coburg gemeinsam durchgeführten Ausstellung skizziert.

zitiert nach der website der staatlichen Arichive Bayerns

 

Und sonst? Ach ja, die SPD im Unterbezirk Coburg erinnerte sich an einen der ihren,  Franz Klingler (1875 – 1933), eine der Persönlichkeiten, welche erheblichen Anteil an der damaligen Entwicklung hatte. Zu nennen wären hier auch der Fabrikant Kommerzienrat Max Oskar Arnold, Neustadt sowie Dr. Schack und Dr. Fritsch. Zu den Verhandlungen brauchten die Coburger übrigens zeitweise nicht bis München zu fahren; infolge der Wirren von Revolution und Räteaufstand war die Bayerische Staatsregierung und der Landtag im Jahre 1919 nach Bamberg ausgewichen; in einem seiner Wanderberichte erinnerte sich Emil Rädlein an bewaffnete Landespolizei an der Grenze bei Schleifenhan.

 

Und weiter? Gut eine Woche zuvor war der „erste Spatenstich“ zur Kläranlagen-Erweiterung in Rödental für ein Kabinettsmitglied ein München eine Reise in das Coburger Land wert. Ich konnte diesen wahrhaft feierlichen, mit mobilen Fahnen geschmückten Akt  selbst von meinem Balkon aus mit dem Fernglas verfolgen, wenn ich auch in Dörfles und nicht in Rödental wohne.

 

Der Anschluss Coburgs an den Freistaat Bayern im Jahre 1920 hatte Konsequenzen auch für den Thüringerwald-Verein. Wäre es damals anders gekommen, dann wäre natürlich Coburg 1945 Bestandteil der SBZ geworden. Neben vielen anderen für die hier lebenden Menschen fatalen Fogen hätte dies Verbot und Auflösung für alle freien und selbständigen Vereinigungen zur Folge gehabt. Die Tradition des Thüringerwald-Vereins wäre 45 Jahre lang erloschen gewesen, die Erinnerung an sein Handeln und Wirken verblasst. Ob dann nach 1989 Initiativen zur Neu- oder Wiedergründung gelaufen wären? Ich wage es zu bezweifeln.

 

Nach 1945 wurde beim Thüringerwald-Verein – Zweig Coburg übrigens sehr wohl die Frage gestellt, ob er so als einzig verbliebene Gruppe und damit als Hauptverein weiter machen soll und kann. Ich darf in diesem Zusammenhang aus der von unserem unvergessenen Werner Ungelenk anlässlich des 75jährigen Jubiläums im Jahre 1982 verfassten Chronik zitiere:

 

Ein Treuewort macht Geschichte

 

In dieser prekären Situation bekam ein Treubekenntnis des Coburger Zweigvereins-Vorsitzenden Carl Escher schicksalhaftes Gewicht. Die 55. Hauptversammlung des Thüringerwald-Vereins in Probstzella beschäftigte am 28.Juni 1936 auch Eschers damaliges Primäranliegen: Der Bau des Wanderheimes „Alexandrinenhütte" auf der Sennigshöhe. Es ging u. a. um einen Bezuschussungsantrag, dem sich der Vereins-„Sparkommissar" Hickethier mit dem Argument widersetzte, die Coburger als nunmehrige Bayern würden nach Zuschußbewilligung  „ja doch aus dem Thüringerwald-Verein austreten und sich einem bayrischen Wanderverein anschließen". Escher reagierte auf „derart unkameradschaftliche Einschätzung" mit der ausdrücklichen - übrigens mit einem 1500-Mark-Zuschuß honorierten - Versicherung, „dass bei uns Coburgern das Wort ’Treue um Treue' sehr ernst genommen und auch gehalten wird!"

 

Vom Zweigverein zum Hauptverein

 

Escher und seine Wanderfreunde haben stets zu diesem Wort gestanden; erst recht, als die Zwangsauflösung des Hauptvereins 1945 zugleich zur Schicksalsfrage für den Coburger Zweigverein wurde. Seine damals 267 Mitglieder beantworteten sie mit der nach eingehender Diskussion einmütigen Entscheidung, „keinen neuen Verein zu gründen, sich auch nicht den befreundeten Vereinen der Frankenalb oder des Frankenwaldes anzuschließen, sondern in freundschaftlichem Einvernehmen bei dem Thüringerwald-Verein zu bleiben und dessen Interessen beim Verband Deutscher Gebirgs- und Wandervereine als nunmehr unmittelbares Mitglied wahrzunehmen". Unsere Coburger Wanderfreunde bekundeten damit ihre Entschlossenheit, „die Mission ihres um Heimatpflege und Landesgeschichte verdienten Hauptvereins zu wahren, seine Substanz über die Zeit willkürlicher Zweiteilung der deutschen Heimat hinweg zu erhalten und so zugleich zu beweisen, wie eng wir uns unseren schwergeprüften Landsleuten jenseits des Eisernen Vorhanges verbunden fühlen, wie wenig wir sie vergessen können!"

 

Wir alle haben daher Grund, uns dankbar an die Entscheidung vo 1920 zu erinnern, auch an die für Coburg vorteilhaften Bedingungen – u. a. eigenständige IHK und Handwerksammer, Bestand des Landestheaters.

 

Hans Detlef Bürger

 

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