Aus „Das Farnkraut“ – Sonderheft Dez. 1965

 Aus August Marrs unerschöpflichem Heimatkunde- und Episodenarchiv

 Liebesglück am blauen Schürzenband

 

Auch die Herbstwanderungen des Kleinen Wanderkreises bereicherte August Marr wieder mit vielen Beiträgen aus seinem schier unerschöpflichen Heimatkunde- und Episoden-Archiv. Anregungen dazu gaben Besuche am leider dicht verwachsenen Wildmeisterstein, von dessen einst vielgerühmter Aussicht kaum noch gesprochen werden kann, auf dem Muppberg, dessen Entstehung zu einem tiefen Blick in die Schöpfungsgeschichte veranlasste, und in den geschichtsträchtigen Itzgrundorten nahe der altcoburgischen Grenze sowie Streifzüge im Bereich der Banzer Berge. Vor ihrer Kulisse gab es jenseits der Itz auch eine musikalische Überraschung. Die Welsberger Kirmesmusikanten freuten sich über die Wanderer des Thüringerwald-Vereins so sehr, daß sie ihnen ein Extra-Ständchen darbrachten. Diesem mit dankbarem Beifall quittierten Erlebnis vorausgegangen waren Besuche in Untermerzbach und Schottenstein, denen ebenso wie Welsberg wegen ihrer prächtigen schiefergedeckten Fachwerkhäuser und ihres gepflegten Ortsbildes das Prädikat „Schönes Dorf" gebührt.

Lebhaftes Interesse fand das etwa 200 Jahre alte Rotenhansche Schloß im „gärtnerischen Paradies" des Untermerzbacher Parkes, das heute (zum Zeitpunkt des Erscheinens, also 1965; inzwischen geändet!) mit einem Neubau dem katholischen Priester-Nachwuchs als Schulungsstätte dient. Nicht minder aufmerksam widmeten sich die Coburger Wanderer der Geschichte von Schottenstein, dessen Namensgeber Friedrich Schott von Stein 996 erstmalig in Urkunden auftaucht. August Marr erinnerte daran, daß Burg und Ort Schottenstein ebenso wie die Steglitz-Burg 1239 auf Beschluss der Bischöfe von Bamberg und Würzburg „berannt und abgebrochen" wurden und „nie wieder aufgebaut" werden sollten, weil von ihnen aus u. a. Banz „viele Drangsale erdulden" mußte. Während die Steglitz völlig verfiel und im wuchernden Waldgras versank, erlebte das Schottensteiner Schloß einen Wiederaufbau, 1643 jedoch eine nochmalige Zerstörung.Im ehemaligen Banzgau, von dem aus vor etwa 1200 Jahren die Christianisierung unserer engeren Heimat erfolgte (irisch-schottische Mönche sollen hierzulande erstmals das Evangelium verkündet haben), galt die besondere Aufmerksamkeit der Kirche zu Altenbanz. Sie gilt als eine der 14 Kirchen, die Kaiser Karl der Große in Franken errichten ließ. Als Filialkirchen von Altenbanz entstanden später u. a. die Gotteshäuser zu Rossach, Watzendorf und Untersiemau: jener aufstrebenden Itzgrundgemeinde also, die urkundlich zwar erstmals im 13. Jahrhundert nachgewiesen ist, nach August Marrs Erläuterungen aber sicherlich „auch schon gute 1000 Jahre auf dem Buckel haben dürfte". Anno 638 sollen im dortigen Bereich die Franken eine vernichtende Niederlage durch die Sorben erlitten haben. Das originelle einstige Wasserschloss und die im Schlosshof nachgewiesene Reihe der Schloss Besitzer zogen die Aufmerksamkeit der Coburger besonders an.

 Die Wanderung zur südlich gelegenen Kulchspitze des Banzer Waldes, die einst eine Schutzburg und vor 100 Jahren noch einen hölzernen Turm trug, vollzog sich teilweise auf dem sogenannten „Leichenweg", auf dem einst die verstorbenen Untersiemauer zu ihrer letzten Ruhestätte nach Altenbanz getragen wurden, sofern der Leichenzug den Verstorbenen nicht vergaß, wie es einmal passiert sein soll.

 Zwei weitere der einst 40 Schlösser des Coburger Landes traten bei diesen Wanderungen in die Erinnerung: Das vor 130 Jahren wegen Baufälligkeit abgebrochene Schloß zu Birkach und das benachbarte Obersiemauer Schloß, aus dem einst zwei charakterlich grundverschiedene Brüder um die Gunst des Birkacher Schlossfräuleins warben. So viele Untugenden dem älteren nachgesagt wurden, so guter Eigenschaften durfte sich der jüngere Bruder rühmen. Dennoch wusste die Burgmaid nicht, welchem der beiden ungleichen Bewerber sie ihre Liebe schenken sollte. Auf Anraten ihrer Erzieherin ließ sie diese schließlich zwischen ihrem roten Strumpfband und einem blauen Schürzenband wählen. Letzteres entschied der geheimen Absprache der Schloßdamen zufolge zugunsten des Jüngeren. Der Verlierer soll aus Wut wortlos von dannen geritten und später in fremden Kriegsdiensten umgekommen sein.

Auch mit der Geschichte von Schloß und Kloster Banz hat August Marr seine Wanderfreunde vertraut gemacht. Auf sie kommen wir in unserer nächsten „Farnkraut“-Ausgabe zurück.

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