Zum Waldnachmittag im Oktober gab es einen besonders interessanten Vortrag von Franz Eberlein, Coburg. Er räumte u. a. mit dem verbreiteten Irrtum auf, der bürgerliche Vorname des legendären „Gurken-Alex“ sei „Alexander“ gewesen.
 


Coburger Originale
 


Unter diesem Titel stand der Vortrag von Franz Eberlein am Oktober-Waldnachmittag. Zum Gedenken an Wfr. Edwin Wilke erhoben sich die Anwesenden von den Plätzen. Weiterhin folgte die Vor- und Rückschau auf das Wander- und Veranstaltungsprogramm des Thüringerwald-Vereins.
Franz Eberlein leitete seinen Vortrag mit der Fragestellung ein, was denn eigentlich ein Orginal sei. Dies sei schwierig festzulegen. Jedenfalls sei ein Orginal mehr als einfach eine lächerliche Person. Der Referent brachte einen bildhaften Vergleich mit einer Wanderung von der Donauebene in das Hochgebirge. Das Gelände weise zunächst nur schwache Erhebungen aus. Dies sei mit uns, den Durchschnittsmenschen gleichzusetzen. Wir alle unterscheiden uns zwar nur wenig voneinander, dennoch habe jeder Mensch sein eigenes Persönlichkeitsprofil. Weiter südlich, in Richtung auf die Alpen, werde die Landschaft dann hügelig und stärker ausgeformt. Dies könne man mit den im Coburger Bereich bekannt gewordenen Orginalen gleichsetzen. Alles überragen aber die Gipfel der Hochalpen. Dem würden dann die weithin, über Ländergrenzen und Zeitepochen hin bekannten Orginale entsprechen. Eberlein nannte zwei: Till Eulenspiegel und den Baron von Münchhausen. Anhand einiger Dias aus Mölln, der letzten Lebensstation des Till, charakterisierte Eberlein diesen bekannten Schelmen.

Nun zum „Lügenbaron". Karl Friedrich Hieronymus von Münchhausen wurde 1720 in Bodenwerder an der Weser geboren. Er verdingte sich als Offizier in russische Dienste und machte Feldzüge gegen die Türken mit. Aus dieser Zeit sowie seiner Jagdleidenschaft stammen die bekannten Erzählungen. Münchhausen nahm Abschied aus dem Militärdienst und bewirtschaftete sein Gut. Er war ein glänzender Gesellschafter, der mit seinen abenteuerlich ausgeschmückten Erzählungen zu gefallen wusste. Eine Lebensepisode wurde vor einigen Jahren verfilmt, Außenaufnahmen wurden szt. am Froschgrundsee gedreht. Noch eine Beziehung zum Coburger Land: in Bockstadt bei Eisfeld befindet sich ein Schloss mit Gut, das einem Zweig der Familie gehörte. Die literarische Auswertung dieser Lügenmärchen ging seltsame Wege: ein deutscher Professor gab diese 1785 anonym in englischer Sprache heraus. Ein großer Erfolg wurde allerdings erst die deutsche Übersetzung 1786 durch den Dichter Gottfried August Bürger, der die Erzählungen um einiges selbst erfundene erweiterte. Dass ihm einiges hinzugedichtet wurde, war ein Schicksal, dass das Orginal Münchhausen mit Coburger Orginalen teilte, es soll den Baron persönlich in einige Schwierigkeiten gebracht haben.

Nun kam der Referent auf die hierzulande bekannt gewordenen Orginale zu sprechen. Warum den Ummerstädtern vormals der Ruf anhaftete, eine Art von Schildbürgern zu sein, sei unverständlich. Mit ihren Leistungen auf dem Töpfereigewerbe haben sich vielmehr ganz besonderes Geschick bewiesen. In Wort und Bild schilderte Eberlein den „Töpfer-Poeten" Heinrich Berghold.

Als Anfangs der 80er Jahre der Versuch unternommen wurde, den rheinischen Karneval mit seinen Bräuchen nach Coburg zu adoptieren, begab man sich alsbald auf die Suche nach einer Symbolfigur, einem echt Coburger Orginal. Aber wer sollte dies sein?

Etwa der „Aufläder", der im vergangenen Jahrhundert seine Spaße trieb? (Anmerkung: hierzu siehe Darstellung in 1/1969 Der "Aufläder"; ) Auch der Braumeister Anton Sturm galt als Spaßvogel - Eberlein erzählte eine Anekdote.
Bekannt wurde um 1900 Max Schalitzky „der Gratulant".
Ein bewegtes Leben hatte Christian Henseling, bekannt als „Grafensohn" bzw. „Graf von der Schney" hinter sich. Der gelernte Schuster bereiste die halbe Welt, bevor er in seine Heimat zurückkehrte. Einige der sog. Orginale waren von Natur oder Umgebung benachteiligt. Sie verstanden es dennoch, sich im Leben zurechtzufinden, ohne anderen zur Last zu fallen. Manchem „Orginal" war aber auch ein „normales" Leben vorgezeichnet, sei es handwerklich-bürgerlich, sei es als eine militärische Karriere („Roeperts's Karl"), gelegentlich aber auch in einem akademischen Beruf, etwa bei Dr. Rudolf Hassenstein und Julius Döbrich. Auf die beiden zuletzt genannten ging der Referent als nächstes ein. Eberlein bezeichnete es als Glück, dass vor Jahren verhindert wurde, Dr. Hassenstein in einem Faschingsumzug als komische Figur vorzuführen. Hochbegabt und gebildet, entzog sich Dr. Hassenstein aus nicht mehr ganz zu klärenden Gründen den bürgerlichen Konventionen, um als eine Art früher Aussteiger auf dem Gut Hambach zu leben. Ähnliches kann von Julius Döbrich gesagt werden, einem akademisch ausgebildeten und approbierten Tierarzt. Er lebte zeitweise in der „Döbrichshöhle" bei Löbelstein.

Auch die Lebensgeschichte von Leutnant a. D. Karl von Roepert gibt manches Rätsel auf, obwohl viel an Aktenmaterial vorliegt. Eberlein trug einige wesentliche, gesicherte Erkenntnisse vor. Er warnte in diesem Zusammenhang davor, alle erzählten und auch niedergeschriebenen Geschichten zu glauben. Tatsache sei, dass er als Leutnant in einem Garderegiment in Berlin gedient hat. Er behielt zeitlebens das Recht, den Titel „Leutnant a. D." zu führen, was ein Anzeichen für untadelige Dienstführung und ehrenhaftes Ausscheiden sei. Bekannt wurde der „Roepert's Karl" als ein Dauergast in der „Lore". Ein Buch mit Anekdoten ist vor Jahren erschienen, vor einigen Jahren wurde es neu aufgelegt. Nicht alle Geschichten seien verbürgt, auch nicht die bekannte über den Skandal in der Hofoper.

Ohne gründliches Quellenstudium solle derlei nicht veröffentlicht werden. Zum Abschluss sprach der Referent über das bekannteste „Orginal", den „Gurkenalex". Dieser hieß mit bürgerlichem Namen Edmund Otto und wurde 1884 geboren.

Die Gedenktafel „Alexander Otto, 1884 -1984 - ein Coburger Orginal"
sei insoweit irreführend, weil der Leser meinen könnte, der bürgerliche Vorname sei Alexander und Otto sei hundert Jahre alt geworden.
Er wurde mit verkürzten Beinen geboren. Der Gedenkbrunnen in der Herrngasse übertreibt aber in dieser Hinsicht, ja er karikiert geradezu das Erscheinungsbild, wie Eberlein anhand von Orginalfotos nachwies.
Aus letztlich nicht ganz erklärlichen Gründen übte Edmund Otto nicht das erlernte Buchbinderhandwerk aus, sondern verlegte sich auf ambulanten Handel. Bald fand er heraus, dass es geschäftlich interessanter war, statt von Haus zu Haus von Wirtshaus zu Wirtshaus zu ziehen, um die bekannten Gurken und anderes feilzubieten. Seine orginellen Auftritte mit improvisierten Ansprachen steigerten den Absatz. Der zweifellos hohe Unterhaltungswert für diejenigen, die dies selbst erlebt haben, mache den Ruf als Orginal aus. Indes sei es schwer, dies für der Nachwelt zu vermitteln. Auch um den „Gurkenalex" rankten sich Legenden, so, dass er im „Dritten Reich" wegen eines Witzes über Göring im Gefängnis gesessen habe. In Wirklichkeit sei Otto niemals im Gefängnis gewesen. Wahr sei aber, dass er nie öffentliche Fürsorge in Anspruch genommen habe, sondern von seinen Einkünften auch noch seine Mutter versorgt habe. Manche der beschriebenen Orginale sind von Künstlern verewigt. Der „Gurken"-Alex wurde, ebenso wie „Max, der Gratulant" schon vor Jahrzehnten von einem namhaften Bildhauer, Gustav Wittmann, für die Nachwelt erhalten.

Gegen Ende seines Vortrags trug Eberlein das Gedicht „Die Ummersbacher" von „Schursch" Eckerlein vor. Manche der Zuhörer, die Franz Eberlein mit großem Beifall bedachten, verbanden persönliche Erinnerungen noch mit manchem der geschilderten Orginale.

.Unten: aktuelle Fotos vom “Gurkenalex-Brunnen”, 2011 als Osterbrunnen
 

Gurkenalex
Gurkenalex
[home]
[home] [Wegweiser 1] [Urheberrecht]