|
Aus „Das Farnkraut“ Nr. 3/1998
In „Eggegebirge und „Teutoburger Wald“
Nach längerer Pause wagte der Thüringerwald-Verein Coburg (1998) wieder einmal eine Vier-Tages-Fahrt zum Deutschen Wandertag. Der Montag als letzter Veranstaltungstag mit der Schlußkundgebung war eingeschlossen. Dies hat zudem den Vorteil, daß die Rückfahrt besser ausgestaltet werden kann. Pünktlich um 7 Uhr am Freitag startete der Reisebus. Reiseleiter Wilhelm Bauer und der Fahrer Dieter Sinne begrüßten die etwa 30 Fahrtteilnehmer. Über die „B 303" und die „B 279" wurde die Autobahn nach Kassel erreicht.
Am Rasthaus „Großenmoor" gab es eine erste Pause. Solche Fahrten sollen nicht zuletzt dazu dienen, uns Städte und Landschaften näher zu liegen, die abseits der ganz großen Touristenströme liegen. Und so verließen wir die Autobahn bei Homberg (Efze), um uns auf Landstraßen dem Ederstausee zu nähern. Der Dauerregen der vergangenen Tage war abgeklungen, aber noch war es dicht bewölkt und kühl.
Unterwegs am Horizont sehenswert die malerischen, mittelalterlichen Städtchen Homberg und Fritzlar. Wir erreichten nun das „Waldecker Land". Ähnlich wie Coburg war das Fürstentum Waldeck-Pyrmont bis 1919 ein selbständiger deutscher Bundesstaat. Hauptstadt war Arolsen mit einem „Klein-Versailles" als Residenz. Die alte Burg Waldeck überragt den 27 km langen Edersee, den wir nun ansteuerten. Wir hatten Gelegenheit zu einem kurzen Gang über die Staumauer. Wie ein Fjord zieht sich die aufgestaute Eder durch das enge, bewaldete Tal. Eine unselige Berühmtheit erlangte der Stausee im II. Weltkrieg. Fliegerbomben trafen damals die Stauanlagen, die Mauer barst und das in gewaltigem Schwall ausströmende Wasser sorgte für eine Katastrophe. In Nieder-Werbe, an einem Vorstaubecken des Sees, legten wir die Mittagseinkehr ein. Der Gasthof hat als Familienbetrieb Tradition seit 1866. Die dicken Wolken hatten sich etwas gelichtet, hier und da drang die Sonne durch. Nach dem Essen hatten wir Gelegenheit zu einem Rundgang um das Vorstaubecken Niederwerbe.
Für eine Freizeitregion wirkte das Ganze nicht gerade überlaufen. Danach ging's weiter in Richtung Paderborn. Diese Fahrt weckte Erinnerungen an die Wimpelwanderung des Jahres 1985 von Coburg nach Osnabrück. Immerhin saßen im Bus vier Teilnehmer dieses Unternehmens. Die Stadt Waldeck war eine der Stationen gewesen. Noch mehr Namen und Bezeichnungen kehrten ins Gedächtnis zurück. Arolsen, Scherfede - hier stieß die „Verstärkungsgruppe" hinzu, Horn-Bad Meinberg und vor allem natürlich Bad Driburg selbst. Wir näherten uns schließlich Paderborn, der Dom- und Bischofsstadt. Von dort waren es nur noch wenige Kilometer nach unserem Standquartier in Bad Lippspringe. Ein Landschaftsbestandteil aber war neu: die zahlreichen Windräder. Offenbar eignen sich die Höhenzüge des Teutoburger Waldes, des Eggegebirges und des Wiehengebirges besonders für diese Art alternativer Energieerzeugung. Sie sind auch bei Umweltschützern nicht ganz unumstritten. In der von uns besuchten Region waren sie auschließlich auf intensiv genutzten Landwirtschaftlichen Flächen errichtet konnten somit keine Naturschutzgebiete beeinträchtigen. Von der Geräuschentwicklung konnten wir keinen Eindruck gewinnen.
In unserem Umkreis stehen nur wenige dieser Einrichtungen. Das neueste davon bei Sassendorf (nördl. Frankenalb). Die Teilnehmer der heurigen Vogelstimmenwanderung haben das Betonfundament gesehen. Inzwischen steht das Rad selbst.
Am Nachmittag war schließlich Bad Lippspringe erreicht, wo uns unser Quartier erwartete. Insoweit eine zunächst weniger angenehme Überraschung: das Hotel war „überbucht", und einige Wfr. waren umquartiert worden. Aber auch dieses Problem löste sich zur Zufriedenheit. Am Abend begaben sich die Wanderer an die Stelle, von der Bad Lippspringe seinen Namen hat: die Quellfassung der Lippe. Es handelt sich um einen stattlichen, gefaßten Quelltopf. Auch dies ein historischer Ort, im Jahre 780 berief Karl d. Gr. hier eine Reichsversammlung ein. Es ging um die Unterwerfung des Stammes der Sachsen unter Widukind. In der Nähe der Lippequellen war auch die Abendeinkehr, wobei einige die örtliche Spezialität „Schälrippen" probierten. Das „Lipper Land" um den Oberlauf dieses Flusses war einstmals ebenfalls selbständiges Fürstentum mit Detmold als Hauptstadt. Das Wappen, die „Lipper Rose" gehört heute zum Landeswappen von Nordrhein-Westfalen.
Am nächsten Tag wandelten wir auf den Spuren von 1985, der großartigen Wimpelwanderung unter der Führung des unvergessenen Treuter's Otto, auf dem „Hermannsweg" von den Externsteinen zum Hermannsdenkmal. Zunächst fuhren wir alle zu den Externsteinen, jenem einmaligen Natur-und Kulturdenkmal nahe der Stadt Horn-Bad Meinberg. Ob die bizarre, bis zu 37 m hohe Felsengruppe schon in vorchristlicher Zeit als Kultstätte diente, ist naheliegend, aber nicht erwiesen. Eine Kreuzigungsgruppe stammt aus dem Jahre 1120. Johanna, unsere 86jährige Seniorin, ließ es sich nicht nehmen, den Treppensteig zu bewältigen. Anschließend teilte sich die Gruppe. Ein Teil besuchte das Westfälische Freilichtmuseum in Detmold, die anderen machten sich auf die Socken auf dem Hermannsweg in Richtung „Hermannsdenkmal". Auch Johanna, die Seniorin, hielt den ganzen Weg durch, obwohl der mehrfach angeforderte Schubkarren an diesem Tag leider andernorts gebraucht wurde. Bergauf und bergab führte uns der Weg, meist durch lichte Wälder. In den wenigen Ortschaften beeindruckten malerische Fachwerkhäuser. Bei Berlebeck wurde eine gemütliche Mittagsrast gehalten. Auf einer Anhöhe hinter der „Adlerwarte" war erstmals der Blick auf das imposante Denkmal frei.
Nach 12 km war das Ziel erreicht, das Hermannsdenkmal auf der 386 m hohen „Grotenburg". Vor dem 53 m hohen Denkmal wurde aber zunächst einmal das Gasthaus „erstürmt". Inzwischen trafen auch die Busfahrer ein, und so konnte das Denkmal gemeinsam besucht werden. Es verblieb noch genügend Zeit zu einem ersten Besuch in der Stadt Bad Driburg. Dort herrschte das an den Wandertagen übliche lebhafte Treiben auf den Plätzen und Straßen, in Gaststätten, Sälen und an Informationsstellen. Der Tag klang wiederum in unserem Standquartier in Bad Lippspringe aus. Als Zugabe diesmal ein ziemlich ausgedehnter Schützenzug - es war gerade das Schützenfest, und an jenem Samstag stand die Abholung des Königspaares an. In Westfalen hat das Schützenwesen keineswegs weniger Tradition als in Franken. Noch war es recht kühl, und wir wußten nicht recht, ob wir die tief decolletierten Schützendamen eher bewundern oder bedauern sollen (weibliche Stimme aus dem Publikum: „In dem Olter hommir a net gfrorn!").
Der nächste Tag stand ganz im Zeichen der Bäderstadt Driburg mit ihren gepflegten Kuranlagen, historischen Straßen, Gassen und Plätzen. Bad Driburg hat mit eingemeindeten Stadtteilen 20.0000 Einwohner. Die Kuranlagen befinden sich im (gräflichen) Privatbesitz. Neben dem Kurbetrieb ist ein Kristall-und Glaswerk weithin bekannt; auch das Wandertagsabzeichen erinnert daran. Endlich strahlte die Sonne von der Frühe bis zum Abend. Vom Festplatz in Bad Driburg zog Gruppe um Gruppe in die festlich geschmückte Stadt. Besonders angenehm war der Aufenthalt in dem gepflegten Kurpark mit seinen historischen Bauten. Musik- und Tanzdarbietungen zogen Tausende in den Bann. Die folkloristischen Tänze standen ganz im Zeichen unserer osteuropäischen Nachbarn. Höhepunkt des Tages aber war einmal mehr der große Festzug mit der anschließenden Hauptkundgebung. Am Sammelplatz das mittlerweile gewohnte Bild für den Thüringerwald Verein: nicht allein die Coburger, sondern Gruppen aus zahlreichen Orten repräsentierten unseren Verein. Mit der üblichen Verspätung ging es los, unterwegs die unvermeidlichen Stockungen, immer wieder „Frisch auf!". Die „Höxtersche Kreiszeitung" sprach am kommenden Tag von 20.000 Zugteilnehmern und 10.0000 Zuschauern. Nach diesem erlebnisreichen Tag fuhr uns der Bus nach Bad Lippspringe zurück. Der Abend bot Gelegenheit zu einem letzten Gaststättenbesuch in der Bäderstadt. Inzwischen hatten sich bereits „Stammlokale" herauskristallisiert, wo der Abschied gefeiert werden konnte. Am nächsten Morgen hieß es, pünktlich abzufahren, um die Schlußkundgebung auf der Burg Dringenberg, wenige Kilometer von Driburg entfert, zu erreichen. Diese Burg erwies sich als eine recht ursprünglich erhaltene, historische Anlage. Die Burg ist eine Gründung der Paderborner Fürstbischöfe und geht auf das 14. Jahrhundert zurück. Im Inneren birgt sie sehenswerte museale Bestände. Um diese Burg gruppierte sich eine Siedlung mit bäuerlichen Anwesen und Wohnhäusern. Nach Ansprachen die traditionelle Übergabe des Wandertagswimpels sowie die Einladung zum nächsten Wandertag und der Aufruf sämtlicher Verbandsvereine. Dann ging es aber schnell in den Bus, um das nächste Ziel anzusteuern. Etwas außerhalb der nordhessischen Metropole Kassel steht mit Schloß Wilhelmshöhe eine der bemerkenswertesten Schloß- und Gartenanlagen Deutschlands. Der Name geht auf Landgraf Wilhelm IX zurück. Das Schloß wurde im klassizistischen Stil errichtet. Älteren Ursprungs ist die Gartenanlage. Gekrönt wird die gesamte Anlage von einem 71 Meterhohen Monument, einem Basalt-Tuffsteinbau mit einer Stuatue des antiken Helden „Hercules". Die Statue entstand um 1700. Die wahrhaft barocke Körperfülle läßt manchen heutigen Bodybuilder vor Neid erblassen. Besonders unsere Damen warfen bewundernde Blicke auf den kraftstrotzenden Körper. Der „Hercules" ist weithin im Land sichtbares Wahrzeichen der Stadt Kassel. Historisch bekannt wurde das Schloß als Internierungsort für den im 1870771er Krieg besiegten und gefangen genommenen Napoleon III. Später nutzte es Kaiser Wilhelm II als Sommerresidenz. Einmalig ist die Kaskadentreppe zwischen „Hercules" und Schloß. Leider verblieb nur Gelegenheit zu einer Besichtigung des „Hercules". Mittlerweile wurde es recht warm, und die Weiterfahrt geriet zu einer rechten Schwitzpartie. Bereits am späten Nachmittag wurde die Schlußeinkehr in der Rhön und am frühen Abend die heimische Vestestadt erreicht. Abschließend nochmals großer Dank an Wilhelm Bauer für die Organisation dieser Fahrt!
Nachtrag: Der Verband Deutscher Gebirgs- und Wandervereine beschloß in Bad Driburg die Stiftung einer „Karl-Carstens-Medaille". Sie wird ein Einzelpersonen verliehen. Die ersten Träger kommen aus Bayern: Albert Lippert (Spessartbund) und Horst Ruhl (Fichtelgebirgsverein). Wfr. Georg Gunzelmann vom Rennsteigverein wurde mit der Goldenen Verbandsehrennadel ausgezeichnet.
|