|
Aus „Das Farnkraut“ Nr. 1/1965 Nicht signiert, Verfasser vermutlich Werner Ungelenk
Zum 110. Geburtstag und 40. Todestag Emil Rädleins
Zufällig fiel der erste Waldabend dieses Jahres auf einen für den Thüringerwald-Verein bedeutsamen Gedenktag, den Ehrenvorsitzender Carl Escher zum Anlass einer dankerfüllten Reminiszenz an die Gründungs- und Entwicklungsgeschichte unseres Vereins genommen hat. Vor 110 Jahren, am 5. Januar 1855, wurde Emil Rädlein , Mitbegründer, langjähriger Vorsitzender und Ehrenmitglied des Zweigvereins Coburg im Thüringerwald-Verein, als Sohn eines ehrbaren Coburger Schneidermeisters geboren. Jener „Coburger Wandersmann" also, der als Turnlehrer und Heimatfreund sein ganzes Leben der Jugend gewidmet, das Wandern zunächst durch Turnfahrten mit der Turnerschaft Coburg und dann als Wanderführer des Thüringerwald-Vereins gefördert hat, dessen Gründungsmitglied er im Jahre 1907 gewesen ist und an dessen Spitze er als Vorsitzender bis zu seinem Ableben am 8. Februar 1925 — vor nunmehr 40 Jahren also — stand. Rädleins von der Heimatpresse regelmäßig veröffentlichte Dichtungen, heimatkundliche Plaudereien und Wanderberichte sind in zwei stattlichen Bänden unter dem Titel „Im Umkreis der fränkischen Krone" mit dankenswerter Hilfe seiner Tochter Anna, unseres heute seinem 78. Geburtstag entgegensehenden Ehrenmitgliedes, zusammengefasst und so der Nachwelt erhalten geblieben. Der Autor hat damit nicht nur heimatgeschichtliche schriftstellerische Erinnerungsarbeit geschaffen, sondern für alle Wander- und Naturfreunde Wegweisung von heute noch gültigem Wert. Emil Rädlein, in dessen Jugendjahre mit der ersten Generalversammlung des Deutschen Nationalvereins und der Gründung der Deutschen Turnerschaft 1860 in Coburg und mit der Reichsgründung am 18. Januar 1871 drei geschichtliche Einigungswerke fielen, hat sich unter dem Eindruck dieser Ereignisse mit ganzem Herzen der vaterländischen Jugenderziehung verschrieben. Zusammen mit seinem Freunde Gustav Leuthäuser stellte er sich als Turnlehrer begeistert und begeisternd in den Dienst der Idee Friedrich Ludwig Jahns. Auf dem Gebiet der Freiübungen entwickelte der fortschrittliche Pädagoge einen neuen Stil, den er mit der Schöpfung der großen Turnreigen krönte. Als allzeit tatenfroher und heimatbewusster Wanderer, Naturfreund und Wegesucher wandte sich Rädlein zu Beginn dieses Jahrhunderts mehr und mehr dem Landschaftserlebnis zu, das er der Jugend wandernd vermittelte. An der Spitze seiner außerordentlichen Verdienste auch auf diesem Gebiet steht die Einrichtung der ersten Coburger Jugendherberge und seine Initiative zur Umwandlung des korporativ dem Thüringerwald-Verein angeschlossenen Coburger Fremdenverkehrsvereins in einen Zweigverein des Thüringerwald-Vereins. Bereits in seinem Gründungsjahr 1907 war diesem Zweigverein mit damals 180 Mitgliedern die ehrenvolle Aufgabe gestellt, in Coburg eine Hauptversammlung des Gesamtvereins durchzuführen. Der Auftrieb, den der Zweigverein durch dieses Ereignis bekam, fand dank der Initiative Rädleins seinen Niederschlag nicht nur in einem starken Mitgliederzustrom auf 300 in wenigen Jahren; er fand ihn nicht minder in einer Anerkennung seiner Öffentlichkeitsarbeit durch den Beschluss des Verbandes Deutscher Gebirgs- und Wandervereine, den 26. Deutschen Wandertag 1913 in Coburg durchzuführen. Der Erfolg dieser Tagung, der 1897 schon einmal ein deutsches Wandertreffen und 1890 die 10. Hauptversammlung des Thüringerwald-Vereins in Coburgs Mauern vorausgegangen waren, wirkte noch in den zwanziger Jahren so stark nach, dass sich Emil Rädlein 1924 in Leipzig mit positivem Ergebnis dafür einsetzen konnte, eine weitere Haupttagung des Gesamtvereins in Coburg auszurüsten. Nachdem er die Vorarbeit dazu sofort in die Wege geleitet hatte, blieb ihm die Erfüllung seines Herzenswunsches infolge seines plötzlichen Ablebens kurz nach Vollendung des 70. Lebensjahres versagt. Im Geiste Rädleins vollzog der Zweigverein Coburg drei Jahre später — im Juni 1928 — den ehrenvollen Tagungsauftrag mit abermals nachhaltiger Erfolgswirkung. Was Emil Rädlein als anspruchsvoller pädagogischer Wanderführer in und mit dem von ihm geleiteten Thüringerwald-Verein für die Sache des Wanderns. der Heimatpflege sowie des Natur-und Landschaftsschutzes selbstlos und mit ganzer Hingabe geleistet hat, ist als vorbildlich in die Heimatgeschichte eingegangen. Auf mehr als 200 Wanderungen hat er seine Freunde durch das Coburger Land und darüber hinaus bis weit hinein in den Thüringer Wald und den Frankenjura geführt, um mit ihnen gemeinsam verborgene Winkel in dieser gesegneten thüringisch-fränkischen Landschaft als Wandergebiete planmäßig und zielbewusst zu erschließen, das Wissen auf dem Gebiet der Heimatgeschichte und Heimatkunde zu mehren und so Heimatliebe und Natursinn in die Herzen seiner jungen Gefolgschaft zu pflanzen. Als einem auch in seinem schriftstellerischen Nachlass noch gültig zum Ziel der geliebten Heimat weisenden Vorbild hat der Thüringerwald-Verein seinem Ehrenmitglied Emil Rädlein nicht nur in seiner Vereinsgeschichte, sondern auch in den Naturgedenksteinen auf dem Coburger Friedhof — hier gemeinsam mit der Turnerschaft — und auf dem Muppberg bei Neustadt bleibende Denkmale gesetzt. Die alljährlich Anfang Mai stattfindende Emil-Rädlein-Gedächtnis-Wanderung hält darüber hinaus die Erinnerung wach an diesen heimatbewussten Bürger, für den die Feststellung des Tageblatt-Nachrufes vor 40 Jahren gültig bleibt, dass er „ein Leben sich zur Ehre, seinen Mitmenschen zur Freude und der Nachwelt zum Gewinn" gelebt hat. Sein ganzes Wesen ist überliefert in seinem Dichterwort: „Wer seine Heimat recht kennt und liebt, der hat sie sich erwandert!" und in seinem für unsere Vereinsarbeit verpflichtenden Wahlspruch:
„Die Heimat ehren; ihr Ansehen mehren!"
Anschließend ein Wanderbericht – untypisch ist allenfalls die relativ geringe Wanderstrecke; es ging ja nur von Coburg über Veste und Brandsteinsebene nach Sonnefeld.
Die 100. Wanderung vor 50 Jahren
Seiner stets dankbaren Gefolgschaft war Emil Rädlein als aktiver Wanderführer ein mitreißender Lehrmeister. Alle seine Unternehmungen zeichneten sich durch gründliche Vorbereitung und korrekte Durchführung ebenso aus wie durch seine landschaftlichen, naturwissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Erläuterungen. Davon zeugen die unzähligen Niederschriften seiner Wanderberichte. Aus Anlass der Rädlein-Gedenktage sei hier wiedergegeben die vom Vereinsgeschehen berichtende Schilderung der 100. Wanderung des Thüringerwald-Vereins im Sommer des Jahres 1915, also vor nunmehr 50 Jahren. Über diese Wanderung, der ein bis zur Mittagsstunde des Wandertags anhaltender nächtlicher Dauerregen vorausgegangen war, schrieb Emil Rädlein: „Noch immer hängen schwere, schwarze Regenwolken am Himmel, als wir uns mittags auf dem Gustav-Freytag-Weg zum Abmarsch einfinden. 14 Wetterfeste schreckt das nicht ab. Man steigt hinauf zur Veste und zur Brandensteinsebene. Dort sind Schützengräben, Unterstände und alles, was der Stellungskrieg heutzutage erfordert, hergestellt und dem Publikum zur Besichtigung überlassen. Wir werden von den Feldgrauen hindurchgeführt und in aller „Weisheit der modernen Kriegskunst“, die uns öfters recht mittelalterlich anmutet, wie der Gebrauch der Fußangeln, Wolfsgruben, Handgranaten u. dgl., unterrichtet. (Anmerkung: Rädlein selbst war 1914 59 Jahre alt und offenbar selbst keine Kriegsteilnehmer. In seinen Schriften habe ich zumindest bis jetzt keine eigene Meinungsäußerung hierzu gefunden, auch nicht den für jene Zeit so typischen “Hurra-Patriotismus”: -hdb-. ). Nun steigen wir hinab nach Rögen und wieder hinauf nach dem Lahm zu, einem herrlichen Aussichtspunkt. Die St.-Veits-Kapelle erhebt sich zwischen Staffelberg und Schloss Banz — im Osten zeigen sich der Ochsenkopf und der Schneeberg des Fichtelgebirges — nur die Aussicht nach dem Thüringerwald ist etwas vernebelt. Der Oberfüllbacher Wald nimmt uns auf, und bald überschreiten wir im Dorf den Füllbach, um auf einem Fußweg nach Großgarnstadt zu gelangen. Emer der Wiesengründe zeichnet sich durch seine schönfarbigen Enziane aus. Die Höhe beim Dorf ist wieder ein hübscher Aussichtspunkt, der ein vollständiges Rundbild gestattet. Das mit reichtragenden Nussbäumen besetzte Pfarrdorf wird durchschritten, und bald nimmt uns der Wald auf, der sich südlich von Bieberbach bis in die Nähe von Sonnefeld hinzieht. Gegen 3/4 5 Uhr ist der Marktflecken erreicht. Es zeigt sich, dass das Wetter für die Wanderung sehr günstig war; denn ohne Rast und Anstrengung haben wir die Strecke in 3 1/2 Stunden zurückgelegt. Beim Eintritt in das Klosterwirtshaus fällt jedem Teilnehmer der festliche Schmuck auf. Bald findet das seine Erklärung. Der Vorsitzende teilt mit, dass die heutige Wanderung die 100. seit der Gründung des Vereins (am 25. Mai 1907) sei. Er nimmt Gelegenheit, dem fleißigsten Wanderer und der fleißigsten Wanderfreundin, die nicht nur an allen Ausflügen teilgenommen, sondern sich auch besonders durch Sammlungen für Markierungszwecke und sonstige Mitarbeit ausgezeichnet haben, den Vereinsstern zu überreichen. Auch der Wirtin, Frl. Renner, die sich wiederholt verdient gemacht hat um die Betreuung der Coburger Wanderer, wird in gleicher Weise gedankt mit der poetischen Versicherung:
Wohl in manche gute Herberg' kam ich auf meinen Fahrten; aber nirgends war's so wohlig, so grundbehaglich."
|