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Aus der Ausgabe Nr. 4/1991
Unter dem Farnkraut-Wimpel
Der 91. Deutsche Wandertag in Pirmasens (vgl. den Bericht im letzten Heft) sollte heuer nicht die letzte Gelegenheit gewesen sein, unseren Wimpel „auszuführen". Vielmehr bekam unsere Wimpelträgerin Rosel Habermann gleich dreimal die Gelegenheit dazu.
Zunächst stand die „Steeniche Kärwa" an. Sicherlich kennen inzwischen alle von ihren Erkundungsfahrten seit der „Wende" jenen langgestreckten Ort im Steinachtal im Schiefergebirge. Der dortige Zweigverein war als einer der ersten nach der Wende neu gegründet worden. Wer einmal durch Steinach gefahren ist und dabei die Hauptdurchgangsstraße verlassen hat, dem ist gewiss der unwahrscheinlich große Marktplatz aufgefallen, der Schauplatz jener „Steeniche Kärwa", das als größtes Volksfest des südlichen Thüringen gilt. Die Bezeichnung „Kärwa" deutet auf starken fränkischen Einfluss hin, denn im Thüringen nördlich des Rennsteigs spricht man meines Wissens von „Kirmes". Wie dem auch sei, zunächst vertraute sich die starke Coburger Abordnung dem Steinacher Wanderführer zu einer Kurzwanderung über die benachbarten Höhen des Thüringer Schiefergebirges an. Ursprünglich war für den 18. August eigentlich eine Wanderung zur Alexandrinenhütte vorgesehen. Wegen der Erkrankung unserer Wanderfreundin Marie Türk mußte hier umgeplant werden. Dabei bot sich Steinach als Ziel an. Vor dem Festzug stärkten sich die Wanderer noch bei einer zünftigen Einkehr in Steinach. Dann ging's los zur Aufstellung. Große Mühe hatten sich die Steinacher Wanderfreunde mit ihrem geschmückten Festwagen gegeben. Natürlich waren auch die anderen Gruppen sehenswert. Das Wetter hatte sich doch recht empfindlich abgekühlt, es blieb aber trocken. Abordnungen des Thüringerwald-Vereins waren auch von den Hörselbergen und aus Arnstadt erschienen. An den Straßenrändern warteten viele Tausende begeisterte Zuschauer auf den Festzug. Nach dem Umzug wurde die Zeit bis zur Heimfahrt für einen Bummel über den Festplatz genutzt und auch zu einer Einkehr beim Stand unserer Steinacher Wanderfreunde.
Nicht lange blieb der Wimpel im Schrank, denn schon am 1. September ging es nach Meeder zum 340. Friedensdankfest. Als Wanderführer war eigentlich Günther Peter vorgesehen. Wegen dessen Erkrankung mußte H. D. Bürger einspringen. Er führte die kleine Gruppe von der Geleitstraße über Siebenlinden und Falkenegg nach Callenberg, dann über Beiersdorf, Kösfeld und dem Riethberg nach Meeder. Unterwegs erläuterte er kurz den doch sehr ernsten Hintergrund des Friedensfestes. Mit diesem Fest wird an das Ende des Dreißigjährigen Krieges erinnert und damit an die schlimmste Heimsuchung unseres Landes vor dem letzten Weltkrieg. Gerne erinnert man sich in Coburg an den glücklichen Kanonenschuss des legendären Konstablers Rüger. Diese Episode sollte aber nicht verdrängen, daß dieser Krieg gerade das Coburger Land in unvorstellbarer Weise verwüstet hat, am Ende war die Hälfte der Bevölkerung umgekommen, Verluste, die nicht einmal im letzten Weltkrieg erreicht wurden. Manche Gemeinden - Meeder zumal! — waren noch schlimmer betroffen. Die Folgewirkungen hielten lange an, Deutschland war zerrissen und noch mehrmals in blutige innere Kämpfe verstrickt. Noch lange Zeit sollte man die „Andersgläubigen" als Feinde betrachten. Zunächst aber wurde der Friedensschluss im Coburger Land festlich begangen, und zwar in Coburg selbst am 19. 8. 1650 und ein Jahr später in Meeder. Daran erinnert das Friedensdankfest, daß nun alle zehn Jahre in größerem Rahmen in Meeder begangen wird. Unter dem Eindruck der Grenzöffnung sollte das Motto zunächst heißen: „Frieden - Gott sei Dank!". Der schlimmen Ereignisse dieses Jahres wegen wurde das Motto geändert in „Um Gottes willen Frieden". Noch vor Mittag war die kleine Wandergruppe in Meeder eingetroffen. Es war wieder sehr warm geworden, hochsommerlich fast. Daraus ist wohl die geringe Neigung, sich am Festzug zu beteiligen, zurückzuführen. Natürlich lockten auch die vielen Verpflegungsstände mit Speis und Trank und die mit viel Engagement aufgebauten Stände, wo der Bogen vom Dreißigjährigen Krieg bis zur Zonengrenze gespannt wurde. Nach dem Festzug sollte die Gruppe eigentlich über den Lerchenberg nach Unterlauter weiterwandern. Der großen Wärme wegen zogen es aber alle vor, mit dem Bus zurückzufahren.
Drei Wochen später, am 22. September war unser Wanderwimpel nochmals unterwegs, und zwar zum Fröbelturm bei Oberweißbach. Es wurde eine Sternwanderung aller Zweigvereine des Thüringerwald-Vereins in Gemeinschaft mit dem Rennsteigverein, Gruppe Zapfendorf, durchgeführt. Die Coburger Gruppe wurde von Wfr. Reiner Probst sowie Eisfelder Wanderfreunden geführt. Sie waren kurzfristig für die ursprünglich vorgesehene Inge Dämmrich eingesprungen. Der Bus war erfreulicherweise wieder voll besetzt. In Neuhaus a. R. stieg ein Teil der Gruppe aus, während die anderen bis zur Obstfelder Schmiede weiterfuhren, um u. a. die berühmte Bergbahn einmal zu erleben. In Neuhaus a. R. trafen zunächst die Gruppen aus Coburg und aus Zapfendorf zusammen. Der Wanderführer gab einige Erklärungen zur Stadt Neuhaus a. R. Das Wetter war an diesem Tage recht wechselhaft. Nachdem sich der Nebel gelichtet und die Morgenkühle gewichen war, sah es nach einem Sonnentag aus. Doch plötzlich, während einer Rast im Walde, verfinsterte sich der Himmel, es regnete, ja es blitzte und donnerte sogar (am 22. September!!!). Während der Regen allmählich nachließ, zogen wir weiter und erreichten noch vor Mittag den Fröbelturm. Der Aussichtsturm, das Restaurant und das Umfeld sind in sehr gutem Zustand. Die zahlreichen überdachten Plätze und das vorsorglich aufgestellte Zelt sollten sich noch als sehr nützlich erweisen! Das Mittagessen nahm man teils im Turmrestaurant, teils in Oberweißbach ein. Dieser Ort ist einmal bekannt als Geburtsort des Pädagogen Friedrich Fröbel (siehe ges. Kolumne) und auch wegen des Handels mit „Olitäten", d. h. mit medizinischen Spezialitäten auf Heilkräuterbasis. Bereits seit dem frühen Vormittag tagten die Vorstände der Zweigvereine zusammen mit der Leitung des Verbandes der Deutschen Gebirgs- und Wandervereine, an der Spitze Präsident Konrad Schubach im Turmzimmer des Fröbelturmes. Leider erwies sich die Zeit unseres Verbandspräsidenten als so knapp bemessen, daß er nach Ende der Tagung - am frühen Nachmittag also - nicht mehr die Zeit fand, sich etwa den Wanderern kurz zu zeigen oder sich gar ihnen zuzugesellen. Am Nachmittag begrüßten die Vorsitzenden Wolfgang Süße und Horst Traut die Gäste, alles in allem sicher mehrere hundert. Sänger und Musikanten waren zur Unterhaltung der Wanderfreunde aufgeboten. Leider wurden deren Darbietungen immer wieder von Regenschauern gestört. Zum guten Glück gibt es - wie schon erwähnt, am Fröbelturm genügend Unterstellmöglichkeiten, zusätzlich war noch ein Festzelt aufgestellt. Eine Regenpause nutzten die Coburger für den Rückweg zum Bus, aber noch während der Rückfahrt setzte wiederum strömender, anhaltender Regen ein. Doch während des trockenen Sommers war ja der Regen oft genug herbeigewünscht worden. -hdb-
Friedrich Fröbel
Wer war dieser Mann, dessen Andenken 1890 mit dem Bau des Fröbelturms geehrt wurde und dem in Coburg ein Straßenname gewidmet ist? Friedrich Wilhelm August Fröbel wurde am 21. April 1782 in Oberweißbach geboren und starb am 21. Juni 1852 in Marienthal bei Liebenstein, wo er begraben liegt. Am Anfang und am Ende also der Thüringer Wald; sein Wirken aber und erst recht seine Wirkung blieb jedoch nicht auf diesen engen Raum begrenzt. Fröbel errichtete um 1839/40 zu Blankenburg den ersten Kindergarten. Das klingt zunächst banal. Es war aber damals ein geradezu revolutionärer Akt, statt der „Kinderbewahranstalten" regelrechte vorschulpädagogische Institutionen ins Leben zu rufen. Die Wortschöpfung „Kindergarten" stammt von Fröbel, sie ist vom Deutschen in andere Weltsprachen übernommen worden. Die Einschätzung als „revolutionär" ist mehr als eine Floskel, denn Kindergärten waren in Preußen von 1851 bis 1860 wegen „destructiver Tendenzen" obrigkeitlich verboten gewesen! Dies hinderte natürlich die Ausbreitung dieser Ideen in Deutschland, während sie vom Ausland umso bereitwilliger aufgenommen worden ist. In den angelsächsischen Ländern hat sie eine Umgestaltung des Schulanfangs bewirkt. Zur Pädagogik kam Fröbel auf Umwegen. Zunächst studierte er Agrarwissenschaften, Mathematik und Naturwissenschaften, ohne es zu einem Abschluß zu bringen. Immerhin reichte es zu einer Anstellung als Hauslehrer in Frankfurt (Main). Dort lernte er Pestalozzi kennen und folgte diesem für zwei Jahre auf dessen Institut in der Schweiz. Fröbel lebte in einer Epoche, die heute vielen als Niedergang erscheint wegen der Kleinstaaterei und der Fremdherrschaft Napoleons. Das geistig-kulturelle Leben in Deutschland aber erreichte damals einen Reichtum und Höhepunkte wie zu keiner anderen Zeit. Zeitgenossen Fröbels waren (gedrängte Aufzählung!) Goethe, Schiller, die Brüder Grimm, Schlegel, Wieland, Claudius, Heine, Brentano, Hauff, Hölderlin, Chamisso, Jean Paul, Tieck, v. Armin, Hofmann, Eichendorff, Mörike, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Schopenhauer, Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert, Weber, Lortzing, Wagner, Gauß, v. Humboldt, Fraunhofer, Jahn, v. Liebig ... Die Deutschen waren das „Volk der Dichter und Denker" geworden. Neben der Lehre Pestalozzis wurde Fröbel durch das Studium der zeitgenössischen Philosophen und Dichter beeinflusst, insbesondere Fichte, Novalis, Arndt und Schelling. Er gründete seine Vorstellungen in eine eigenerdachten Weltsicht; menschliche Bildung ist für ihn ein Teil des geordneten, kosmischen Gesamtgefüges ebenso wie etwa die „Bildung" von Kristallen im Gestein. Unter seiner Leitung entsteht 1817 in Keilhau (Nähe Rudolstadt) eine Unterrichtsanstalt neuen Zuschnitts. Wir können sie uns als frühe Form des Landschulheims vorstellen, als solches bestand es — noch immer Familienbesitz! — bis 1940! Für uns besonders bemerkenswert: zur Fröbel-schen Pädagogik gehört das „Erleben und Erwandern von Heimat und Natur, Gartenbau und Tierpflege ...". In den Jahren 1831 bis 1836 gründete Fröbel in der Schweiz mehrere Lehranstalten nach Keilhauer Vorbild. Wiederum vertiefte er seine Erkenntnisse und wandte sich schließlich — Höhepunkt seines Wirkens — der frühkindlichen Erziehung zu. Er ersann Lernspiele und sammelte volkstümliche Reime mit pädagogischem Gehalt. Dies gipfelte endlich — wie eingangs erwähnt — mit der Gründung des ersten Kindergartens im Jahre 1840 in Blankenburg. Fröbel dachte aber auch über den Aufbau des gesamten Bildungswesens nach. Zuweilen war er seiner Zeit weit voraus. So dachte er an eine „Erhebungsanstalt" für Erwachsene — nichts anderes als die heutige Volkshochschule. Sein Bildnis hängt — unter anderem -heute in der Gaststube des Fröbelturms. Dem Betrachter fällt heute das lange, wallende Haupthaar auf. Damals war dies offenbar nichts ausgefallenes, auch Pestalozzi trug sich so oder auch viele Dichter, man denke nur an Friedrich Rückert. Über hundert Jahre später würde man diese Leute als Träger einer Hippie-Subkultur eingeschätzt haben. Auch das abgebrochene Studium sowie das mehrfache Aufgeben einer „gesicherten" Existenz passt nicht ganz in ein bürgerliches Weltbild. Ich fürchte, solche Pionier- und Gründergestalten sind heute noch seltener geworden.
Hans D. Bürger Schrifttum: Neue Deutsche Biographie, Meyer's Enzyklopädisches Lexikon.
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