|
Können Sie auch ohne Verein wandern? Im Prinzip ja, aber viele Vorleistungen wurden von uns erbracht, z. B. mehr als 400 km markierter Wanderwege; Zuarbeit für Wanderkarten verschiedener Verlage, nicht zuletzt die Alexandrinenhütte - drum auf zur Mitgliedschaft (anklicken!) |
|||||
|
Aus „Das Farnkraut“ – Nr. 2/1963 Staatsbürgerkundlicher Unterricht – das war und ist eigentlich die Aufgabe staatlicher oder zumindest professioneller Institutionen und deren hauptamtlichen Kräfte. Hier aber übernahm es der Thüringerwald-Verein mit ehrenamtlichen Kräften, wenn auch erforderlichenfalls unterstützt durch die Bay. Grenzpolizei Es handelt sich um eine im Bereich des Verbands der Deutschen Gebirgs- und Wandervereine offenen Ferienwanderung im Zonengrenzland im Anschluss an den Deutschen Wandertag 1963 in Coburg. Geschildert aus der Sicht eines Teilnehmers. Die Ferienwanderung von Coburg bis Coburg — ein nachhaltiges Erlebnis Wie schön, sechs Wandertage vor sich zu haben in einer Gegend, die man während des Coburger Treffens der deutschen Wanderfreunde nur in kurzer Überschau kennen lernte. Am Schloßplatz trafen wir uns: Schwaben, Niedersachsen, Coburger, Hessen und Westfalen, ein gut Gemisch deutscher Stämme, um einige Tage Seite an Seite dieses deutsche Schicksalsland zwischen Main und Thüringer Wald zu durchstreifen. Es ist nicht alltäglich, daß man unter „Polizeiaufsicht" wandert. Sie haben es gut gemacht, die Kameraden von der Bayerischen Grenzpolizei; wir ließen sie immer nur ungern zurück, wenn sie ein Stück Weges mit uns gegangen waren, um wieder anderen Kameraden die Sorge um uns zu übertragen, damit wir nicht etwa mit der Fußspitze den anderen Teil Deutschlands berührten, mit dem wir tagelang fast Tuchfühlung hatten. Wie oft verweilten wir an besonders guten Sichtpunkten, wo der Blick frei war und die Thüringer Berge und Ortschaften uns klagend mahnten, nicht zu vergessen, daß drüben auch Deutschland sei. Wir grüßten dieses Deutschland mit Augen und Herzen, denen keine Grenzen zu setzen sind. Enttäuschungen gab es auch. Man sprach von einer „Bratwursteiche", an der wir vorbei kommen sollten. Auch Wanderermägen sind leiblichen Genüssen nicht abhold. Dann kam die Eiche. Sie hatte ein bemoostes Alter, trug aber keine der so leckeren Thüringer Bratwürste. Wir haben uns auf eine Rast ihr zu Füßen beschränkt und träumten uns in die Erlebnisspanne ihres mächtigen Stammes hinein. Am zweiten Tag wurden wir entschädigt mit Thüringer Klößen (so sagten wir). Vom Wanderführer wissen wir nun, daß es „Thüringer Klöß" waren, die wir in beachtlichen Mengen verzehrten. Unsere Erfahrung: Wie viel besser lässt es sich doch mit einem Magen wandern, in dem keine „Klöß" hängen! Lempertshausen — Heldritt — Hildburghäuser Höhe: Überall herrliche Landschaft, prachtvolle Veilchenhänge, mit Anemonen übersäter Waldboden, weite Wiesen mit gelbleuchtendem Löwenzahn, Küchenschellen, üppig blühende Waldschlüsselblumen. Und wie freuten wir uns über die Lä(e)rchen, die blühenden und die singenden! Das abendliche Ziel: Sennigshöhe. Unendlich weite Sicht auf Berge ringsum, vor allem auf die Thüringer. Unendlich auch die Stille, die uns, den Stadtmenschen, so besonders wohltat. Die Alexandrinenhütte, die uns eine Nacht aufnahm, bot uns so viel unvergesslich Schönes. Ein Hoch dem Hüttendienst! Man kriegt Heimweh, wenn man an seine Fürsorge denkt — und an das von der Coburger Jugendgruppe veranstaltete Bratwurstessen. Wie stimmungsvoll der Hüttenabend, der der Fröhlichkeit alle Türen öffnete, wie schön unser Schluss Lied unter sternenbedecktem Himmel. Grenzen! Grenzen! Bei Görsdorf — Fornbach — Weißenbrunn — Fischbach — Brix — Neustadt. In Weißenbrunn ein Schulhaus mit Erinnerungen an den Dichter Schaumburger und ein netter Lehrer, der uns einen aufschlussreichen Vortrag hielt. Ein Dorf, eine Gemeinschaft, fast eine Familie. Gerade waren alle Trecker des Ortes dabei, für einen kranken Bauern den Mist auf das Feld zu fahren. Eine kleine Begebenheit, doch nennenswert. Wir hörten von persönlichen Schicksalen, die die mittelbare Zonengrenze schafft. Wir vernahmen es, fassen konnten wir es nicht. Zwischen Sonneberg, der Puppenstadt, und Neustadt liegen heute trennende Welten, während die beidseitigen Industrien früher auf Gegenseitigkeit eingerichtet waren. Wir stießen auf der Strecke dieses Tages auf Heimarbeit in Stuben und Küchen, sahen fleißigen, flinken, aber auch abgearbeiteten Händen zu, die für Pfennige Masken formten, Glastierchen etc. bemalten. Hier stand das Wirtschaftswunder still, wie auch an manchen anderen Grenzorten. Traurige Grenze wieder vom Muppberg bis Wörlsdorf. Überwucherte Bahnlinien, abgeriegelte Bundesstraßen. Wir hörten auch Laut« Sprecher von drüben, die Parolen ausgaben, Anweisungen, kollektiv für ein ganzes Dorf. Plestener Spitzberg! Unser Wanderführer darf froh sein, daß wir vorher nicht ahnen konnten, was er uns hier „unter Gefahr für Leib und Leben" zumuten würde. Die Rucksäcke wollten immer rückwärts, während wir nach oben strebten! Der Wanderführer aber lachte nur und auch dann noch, als der letzte der aus allen Poren schwitzenden „Gipfelstürmer", sich an einer vertrockneten Tannenwurzel wie an dem bewussten lebensrettenden Strohhalm haltend, versuchte, am Ziel gradflächigen Boden zu gewinnen. „Ja, wenn Ihr Euch nicht hättet plagen müssen, würdet Ihr den schönen Aus blick lange nicht so dankbar empfinden!" Wirklich, wir hatten die Welt zu Füßen liegen. — AbMitwitz ging es Kronach, der uralten Stadt, Geburtsort Lucas Cranach's, entgegen. Von der die Stadt krönenden 800jährigen Feste Rosenberg bot sich ein unvergleichlicher Blick bis zum Jura jenseits des Mains und zu den Bergen des Thüringer- und Frankenwaldes. Lichtenfels, letzte Übernachtungsstätte vor Beginn der klassischen Scheffel-Wanderung: Vierzehnheiligen — Staffelberg — Staffelstein — Schloß Banz. Unsere Augen haben wahrlich vom goldenen Überfluss der Welt getrunken, und wir konnten Scheffel verstehen, wenn er sich Flügel wünschte angesichts solcher Gotteswelt. Unvergessen das vom Wind getragene Geläut der in schönster Sicht liegenden Klosterkirchen am Sonntagmorgen! Geselliger Abschluß in der Loreley. Nein, nicht am Rhein, Coburg hat auch eine! Abschiednehmen. Coburg mit seiner Veste, das Coburger Ländchen mit seiner schönen Umgebung, die alte Geschichte wach werden lässt, wo man geht und steht: Alle hatten und haben wir den Wunsch, es wiederzusehen. Das ist Dank und Lob zugleich für die Wanderfreunde, die uns betreuten, die uns die Tage zu einem nachhaltigen Erlebnis werden ließen. I. Sch. |
|||||