Nachfolgend der Bericht über die Busfahrt des Thüringerwald-Vereins Coburg anlässlich des Deutschen Wandertags in Freiburg 1964. Welche Bedeutung diesem Ereignis zubemessen wurde, wird deutlich:

Dauer vom 30. August bis 8. September, also 9 Tage!

Auch der damalige OB Dr. Walter Langer war damals in Freiburg, wenn auch nicht die ganzen 9 Tage. Unser Thüringerwald-Verein war eben im Vorjahr Gastgeber und in diesem Jahr Wimpelwanderer. 70 Personen reisten in 2 Bussen (dabei musste ja Platz für die Rückfahrt der 16köpfigen Wandergruppe gehalten werden). Auch die Tagespresse nahm damals ausführlich und lebhaft Anteil! Damals war das Reise-Budget für die meisten Leute knapp und auch die Urlaubstage, also war dies für viele wohl der Jahresurlaub. Wohl auch daher wurde diese Fahrt auf 9 Tage ausgedehnt. Anerkennung verdient noch heute die organisatorische Leistung sowie die Begeisterungsfähigkeit der Fahrtteilnehmer. Bereits im “Farnkraut” - Heft 3/1963 wurde empfohlen: “Jetzt schon sparen” und den Urlaub des Folgejahres entsprechend einzuteilen.

Zum Sehen geboren. Zum Schauen bestellt...

 

 

Unter diesem Motto startete am letzten Augustsonntag (1964) die große Wanderfahrt des Thüringerwald-Vereins zum 65. Deutschen Wandertag 1964 in Freiburg i. Br. Bei erwartungsfroher Stimmung stand das Unternehmen, in das Ernst Eckerleins verheißungsvolle Planung — eine organisatorische Meisterleistung — außer dem Schwarzwald auch die Vogesen und den Kaiserstuhl einbezogen hatte, unter dem glücklichen Stern eines auch „fernsichtig" idealen Reise- und Wanderwetters. Wer dabei war, darf im dankbaren Rückblick auf das Erlebte das vorangestellte „Faust"-Zitat abwandelnd abrunden: „Ihr glücklichen Augen! Was dort ihr gesehn, es sei, wie es wolle: Es war doch so schön!" Auch denen, die nicht dabei sein konnten, sei das Freiburg-Erlebnis in etwa vermittelt durch Einblick in die Tagebuchaufzeichnungen über diese Wanderfahrt.

Auf den Spuren der Wimpelgruppe

Sonntag, 30. August - 6.00 Uhr: Gepäck verstaut, Busplätze angewiesen. Ehrenvorsitzender Carl E s c h e r verabschiedet die 70 Teilnehmer mit den besten Wünschen und einem „Seid brav" — zum Dank für Eckerleins große Mühe. — Herrliche Morgenfahrt Itzgrund - Bamberg - Pommersfelden (Blick auf Schloss Weißenstein) - Steigerwald - Aischgrund - Rothenburg o. d. T. Stadtführung durch berufene Vertreter des graphischen Gewerbes zum Dank für „vorbildliche Betreuung" bei vorausgegangener Berufstagung in Coburg. Nach Mittagseinkehr auf den Spuren der Wimpelgruppe über Burgenstraße nach Langenburg im Hohenloher Land, dem romantischen Brauneck aus Agnes Günthers Roman „Die Heilige und ihr Narr". Schloss- und Parkrundgang in Erinnerung an Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg, den Coburger Regenten zur Jahrhundertwende (bis zur Mündigkeit seines Neffen Herzog Carl Eduard) und Sohn Gottfried (Casimirianer). Kaffeerast in „Herzogl. Coburgischer Hofkonditorei". Weiter durch burgenreiche Jagst-Kocher-, Murr- und Neckartäler. Hinter Tübingen Kurzrast mit Blick zu den Wimpelgruppen-Stationen Roßberg und Raichberg sowie zur Hohenzollernburg über Hechingen. Um Burg-Bergkegel herum nach Balingen, das die Wimpelgruppe kurz zuvor via Gosheim passiert hatte. Dann über Rottweil (reich an farbenprächtigen Erkern und Meisterwerken mittelalterlicher Baukunst) hinein in den Schwarzwald. Bei anbrechender Nacht (infolge Fahrtverzögerungen durch Umleitungen) überwältigende Feldberg-Schau-insland-Kandel-Silhouette im Abendrot. Paßfahrt über St. Märgen - St. Peter und durch das fruchtbare Glottertal zum Wandertags-Standquartier Denzlingen. Gastliche Aufnahme im „Grünen Baum" und „Rebstock". Jugendgruppe, Tante Mile, Schatzmeisterin und Pressewart finden gerade noch Anschluss nach Freiburg.

Sonnenbad auf Schwarzwaldhöhen

Montag, 31. August - Coburger durchfahren am frühen Morgen Freiburg als erste Wandertagsgäste. Bei strahlender Sonne durch Dreisamtal und über die Serpentinen- und panoramareiche Passstraße zum „Schauinsland“ (l284 m). Einzigartiger Rundblick über Kandel - Feldberg -Belchen - Hochblauen weit hinaus bis zu den Vogesen im Westen, Straßburg im Nordwesten, den Schweizer Alpen (Eiger, Finsteraarhorn, Jungfrau. Mönch) im Süden. Unter intensiver Sonneneinstrahlung Höhenwanderung über „Notschrei-Pass“ zum Berghaus Stübenwasen. Nach kurzer Stärkung Aufstieg zum „Schwarzwald-König" (l493 m) über waldlose Hochweide (herrlicher Blick in Wiese- und Menzenschwandtal) mit alpiner Flora (Schneeheide, Bergenzian usw.). Feldberg-Fernsicht wie am Schauinsland. Kleine Wandergruppe steigt nach Hinterzarten ab. Hauptgruppe über Feldberg-Fernsehturm (Tiefblick auf Feldbergsee) zum Feldbergerhof (Rummelplatz). In dort wartenden Bussen zum waldumschlossenen Titisee. Landschaftszauber überschattet von Saisongeschäftigkeit mit Superprei-sen. Desgleichen im nahen Hinterzarten, der Heimat des Ski-Olympioniken Georg Thoma. Gemeinsame Heimfahrt durch wildromantisches Höllental, vorbei am ewigen Hirschspung und am Bahnhof zum Himmelreich (Platzkarten vergriffen).

Über Colmar in die Vogesen
 

Dienstag, 1. September - Auch Frankreichs Sonne lacht den Coburgern — zumal dort, wo sie ihre Spuren in klingender DMark hinterlassen. Fahrt um weinedlen Tuniberg („Spargelparadies") und Kaiserstuhl-Südspitze herum zum Rheinübergang Breisach. Nach galanter Pass- und Zollkontrolle über Rhein-Rhone-Kanal zunächst nach Alt-Colmar (Fenster und Türen nahezu aus-
nahmslos verschlossen Anmerkung: Anzeichen für Reserven gegenüber den Nachbarn 19 Jahre nach Kriegsende und Ende der Besatzung?), dann in das lebendige Stadtzentrum. Besichtigung alt-elsässischer Fachwerkbauten und kulturhistorischer Zeugen: Martinskirche, Dominikaner-Kreuzgang, Alte Wache, Kaufhaus-Treppe, Kopfhaus. Alle besuchen Unterlinden-Museum mit Matthias Grünewalds weltberühmtem Isenheimer Altar. Anschließend Vogesenfahrt durch Munstertal zur Passhöhe „La Schlucht“. Von dort bei prachtvollem Gebirgsblick Hochstraßenfahrt mehr als 1000 Meter über tiefdunklen Schluchten und Bergseen entlang ehemals deutsch-französischer Grenze zum Elsässer Belchen (l424 m). Gipfelbesteigung in buchstäblich mitreißendem Sturmwind. Überblick über gesamte Vogesen. Eindruck: Ideales Wandergebiet, weniger erschlossen und überlaufen als Schwarzwald. Begegnung mit eingeborenem Mühlhäuser, der als 95er unter Herzog Carl Eduard am Kampf um den Hartmannsweilerkopf teilgenommen. Kriegserinnerungen beherrschen Gesprächsthema bis zum Ehrenmal der je 30000 französischen und deutschen Gefallenen. Von dort Abfahrt mit Rheintalblick bis Mülhausen über Neuenburg/Rhein zurück nach Deutschland. Colmarer Käse dominiert bei Abendverpflegung.

Weinfrohe  Kaiserstuhl-Wanderung
 

Mittwoch, 2. September - Nord-Süd-Wanderung über florareiches, vulkanisches Inselgebirge des Kaiserstuhls. Anfahrt über Badische Weinstraße zum 1200jährigen Endingen, in dem sich nahezu alle Bauzeitalter ein Stelldichein geben. Nach kurzem Stadtbummel Aufstieg zur Wallfahrts-Bergkirche St. Katharina. Bei tropischer Hitze über laubwaldige Bergkette mit Eichelspitze und Neunlindenberg/Totenkopf (500er) als panoramareichen Höhepunkten. Waldwanderung vergleichbar mit Banzer Bergen. Nach Rheinblick über Breisach mit seinem hochragenden Stephansmünster Abstieg nach Ihringen (wärmster Ort Deutschlands) durch riesige Weinplantagen — dank vorsorglicher Wasserschlauchabkühlung ohne Mundraubversuch. Zu lehrreicher Weinkellerbesichtigung Gäste der größten deutschen Winzergenossenschaft. Holz-, Stahl- und Beton-„Fässer" mit    11000 bis 42000 Liter Einzel- und 4 1/2 Millionen Liter Gesamt-Inhalt lösen Staunen aus. Kisten mit 400 Flaschen zum Rucksacktransport ungeeignet. Stimmungsfördernde Qualitäts-Kostprobe aus der Tagesproduktion von 5 000 Litern. Heimfahrt und abendliches Beisammensein dementsprechend. — Kleine Abordnung (Eckerlein - Reingruber - Ungelenk) überrascht am Spätabend im Kandel-Hotel Coburger Wimpelgruppe in fröhlicher Runde mit OB Dr. Langer und Schwarzwald-Wanderfreunden aus Waldkirchen. War das ein Wiedersehen!

Der Kandel lockte gleich zweimal
 

Donnerstag, 3. September - Morgenfahrt durch sonnenreiches Glottertal, in dem u. a. Aprikosen, Pfirsiche und Edelkastanien reifen, nach St. Peter: Doppeltürmige Barock-Klosterkirche, Grablege der Zähringer Herzöge (Stadtgründer von Freiburg, Villingen usw.). Aufstieg der Wandergruppe zum Kandel (l 241 m). Unterwegs „generalstabsgerechte" Begegnung mit absteigender Wimpelgruppe, die später bei St. Peter auch von Busgruppe begrüßt wird. Busgruppe zum Kandelgipfel, dort mit Wandergruppe aussichtsprächtiger Rundgang um Gipfelplateau. Gemeinsame Abfahrt zum Wimpelempfang nach Freiburg durch historischen Kneippkurort Waldkirch im Elztal. Hier schließt sich Ehrenvorsitzender Escher mit Gattin an.
 

Freitag, 4. September - Alle Coburger widmen diesen Tag den Wandertagsveranstaltungen sowie den Sehenswürdigkeiten Freiburgs.

Samstag, 5. September - Wandergruppe (30 Teilnehmer) Fahrt zum Kandelgipfel, von dort nach ergiebigem Tälerblick Wanderung über Präsident-Thoma-Weg (einstiger Freiburger OB und Schwarzwald-Vereins-Vorsitzender) durch Elztal nach Denzlingen. — Busgruppe durch Elz-und Gutachtal um Kandelgebirge und Brend herum zur Uhrmacherheimat Furtwangen (größte deutsche Uhrensammlung), weiter zur Hochwaldstadt Triberg und den dortigen 162 Meter hohen größten Wasserfällen Deutschlands. Nach Besichtigung der Schwarzwald-Sehenswürdigkeiten im Triberger Heimat-Museum durchs Elztal nach Freiburg zum Begrüßungsabend des 100-jährigen Schwarzwaldvereins.

Besuch in Badenweiler
 

Montag, 7. September - Nach sonntäglichem Umzug der Wandergruppe nach Ihringen und eindrucksvollem Wandertagserlebnis (Festzug, Hauptkundgebung usw.) bei Regenwetter gemeinsame Fahrt (nur Otto Borneff verpasste Anschluss, per Anhalter jedoch nachgekommen) über Badische Weinstraße durch Markgräfler Land nach Badenweiler zu Füßen des Hochblauen. Besuch des weiträumigen Kurparks (fast Botanischer Garten mit vielen exotischen Pflanzen) und der Thermen-Reste aus der Römerzeit. Anschließend nach Staufen zur Wandertags-Schlusskundgebung. Rückfahrt durch idyllisches Bad Krozingen. Coburger Abend in Freiburg.

Dem fränkischen Herbst entgegen
 

Dienstag, 8. September - Abschied vom Freiburger Land. Heimfahrt durch brückenreiches Elztal (bekannt durch urtümliche Fastnachtsbräuche) und reizvolles Kinzigtal, zunächst zum architektonisch imposanten Höhenluftkurort Freudenstadt. Kurzrast im völlig neuerstandenen (weil total kriegszerstört) Stadtkern mit endlosen Laubengängen im Mittelpunkt. Durch Nagoldtal weiter nach Stuttgart (Mittagseinkehr/ Parkbummel), dann über Schwäbisch-Hall - Bad Mergentheim durch zügig unterfahrenes Unwetter ins herbstliche Unterfranken. Abendpause in Würzburg. Käppele und Veste Marienberg grüßen im Flutlicht. Nahezu lautloses Fahrtfinale durch Steigerwald via Bamberg - Itzgrund. 22.30 Uhr herzliche Bewillkommnung am Coburger Marktplatz durch Angehörige und Vereinsfreunde, an ihrer Spitze 2. Vorsitzender Arno Volk. Abschiednehmen in tiefer Dankbarkeit für Arrangeure der Schwarzwaldunternehmungen, Franz G e ß l e i n und Ernst Eckerlein, sowie für beide Busfahrer (Marx / Niermann und Mann / Dürrnagel). Sie haben wesentlichen Anteil daran, dass die Wanderfahrt über insgesamt 1700 km ohne Missklang und Panne verlaufen ist.
 

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