Aus „Das Farnkraut“ Nr. 4/1963

20prozentiger Mitgliederzuwachs im Jahre 1963
 


Fast 12 Prozent Jugendliehe / Hochinteressante Vortrags-Reihe

506 Mitglieder — darunter 40 Jugendliche — zählte der Thüringerwald-Verein zu Beginn des Jahres 1963, in dem der 64. Deutsche Wandertag in Coburg das Öffentlichkeitsinteresse besonders nachdrücklich auf unsere Aufgabengebiete Wandern, Naturschutz und Heimatpflege gelenkt hat. Es stärkt das Bemühen um Bewältigung dieser Aufgaben wesentlich, dass sich im Laufe dieses Jahres weitere rund 100 Wander- und Heimatfreunde unserer Gemeinschaft angeschlossen haben und in ihr bereits fühlbar aktiv geworden sind. Mit diesem Rekordzuwachs zählt der Thüringerwald-Verein nunmehr 602 Mitglieder, darunter 70 Jugendliche. Das sind fast 12 Prozent des Gesamt-Mitgliederbestandes, der unsere Wanderfamilie vertrauensvoll in die Zukunft blicken lässt.

Anmerkung: von solchen Verhältnissen können wir leider nur noch träumen. Schon der 84. Deutsche Wandertag im Jahre 1984 hat sich kaum positiv auf den damaligen Mitgliederbestand ausgewirkt. Wenn nicht so etwas, was dann? Allerdings trug schon damals in den 60er Jahren auch das äußerst attraktive Veranstaltungsprogramm zum positiven Trend bei. Ich meine, auch das können wir auch heute noch bieten!

Ebenso wie bei den Wanderungen, hat sich der Mitgliederzuwachs auch bei den Waldabenden bemerkbar gemacht. Das Vereinslokal vermag die Besucher kaum noch zu fassen. Ein Beweis für die aktive Teilnahme am Vereinsgeschehen ebenso wie für das starke Interesse, das den zu jedem Waldabend gehörenden heimatkundlichen, naturwissenschaftlichen oder kulturgeschichtlichen Vorträgen entgegengebracht wird.

Unser Farnkraut 350 Millionen Jahre alt

Die Vortragsreihe der Herbstmonate wurde eingeleitet mit dem Thema: „Geschichte der Erde und des Lebens" — von Dr. Georg Aumann, dem Leiter des Naturwissenschaftlichen Museums, an Hand bildlich dargestellter Forschungsergebnisse behandelt und zu der Fragestellung entwickelt: „Wie wird es weitergehen?" Sein Hinweis auf die Wahrscheinlichkeit eines Weltalters von 6 ½ und eines Erdalters von 2 ½  Milliarden Jahren, sowie darauf, dass die Lebensmöglichkeiten auf dieser Erde rund eine Milliarde Jahre zurück nachweisbar sind, war angetan zu der Besinnung, dass der kurzlebige Mensch gut daran täte, sich mit seinen „technischen Errungenschaften" nicht allzu wichtig zu nehmen. Zwei uns besonders ansprechende Hinweise. Das Farnkraut gehört mit einem nachgewiesenen Alter von mindestens 350 Millionen Jahren zu den stammesgeschichtlich ältesten Erdpflanzen. Ferner: Im Raum des Staffelberges durchwandern wir ein Zeitalter von 25 Millionen Jahren. — Geologische Funde aus diesem Raum zu Forschungszwecken im Museum abgeben!

Hexenwahn noch keineswegs überwunden

Eine  Zeit  finstersten  Aberglaubens   beschwor Rektor Andreas  Stubenrauch   mit  seinem heimatkundlichen    Vortrag    „Aberglauben    und Hexenwahn in der casimirianischen Zeit" herauf. In jener Zeit, in der noch so manche Symptome des Heidentums nachwirkten, genügte schon die öffentliche Bezichtigung „Hexe", einen Menschen zu verurteilen und zu verbrennen. Nachweisbar 48 Frauen, ein Mann und ein Schulbub wurden während Casimirs Regierungszeit öffentlich auf dem Markt verbrannt, weil sie sich in das Bild der sittlichen Norm dieser Epoche nicht einordnen ließen. Von Stubenrauch zitierte Einzelbeispiele aus Coburger Prozessakten jener Zeit gaben immerhin ein — wenn auch vergebliches — Suchen nach und Ringen um Gerechtigkeit zu erkennen. Mit dem Hinweis auf Hexenprozesse der heutigen Zeit — sogar in unserer engeren Heimat (Fränkische Schweiz) — wies der Referent abschließend nach, dass dieser Aberglaube trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse noch immer sein Unwesen treibt.

Auf Schliemanns Spuren

Humorvoll wie immer, und zugleich landschaftskundlich und geschichtlich fundiert, berichtete Wanderfreund Friedrich Müller über die von ihm wahrgenommene Studienfahrt des Polytechnikums nach Griechenland, von der er eine Serie hervorragender Farb-Dias mitgebracht hat. Auf den Spuren des Archäologen Heinrich Schliemann führte er seine Hörer von Saloniki her über den Olymp zu den 480 v. Chr. heißumkämpften Thermopylen, weiter zur Hauptstadt Athen mit dem Hafen Piräus, und dann über Korinth, dessen Isthmus-Durchbruch Ägäisches und Ionisches Meer verbindet, zu Schliemanns „Fundgrube" Mykenä und nach Epidaurus mit seinem antiken Theater für
17000 Besucher, dessen Akustik sich noch heute als unübertroffen erweist. Von der Hafenstadt Nauplia am Argolischen Golf aus ging es durch den Peleponnes u. a. nach Olympia zur Geburtsstätte der ursprünglich kultisch begründeten Olympischen Spiele und dann zurück über den Golf von Korinth zur altgriechischen Kult- und Orakelstätte Delphi am Fuß des Parnass. Ein Abstecher nach Kreta vervollständigte das all überall von einer unbeschreiblichen Naturkulisse geprägte Bild des Ursprungslandes Naturkulisse geprägte Bild des überaus deutschfreundlichen Ursprungslandes der Demokratie.

Neckarabwärts im Faltboot

Dass man auch auf dem Wasser erlebnisreich wandern kann, haben eindrucksvoll die hervorragenden Farb-Dias ausgesagt, die Wanderfreund Rolf Gareis  von seiner Faltboot-Familienfahrt zwischen den Universitätsstädten Tübingen und Heidelberg mitgebracht hat. Es war eine reizvolle Fahrt mit zünftigen Lagererlebnissen und gründlicher Landschaftserkundung, mit Besuchen u. a. in der Gartenstadt Stuttgart, in Ludwigsburg mit der nahen Festung Hohenasperg, in Schillers Geburtsort Marbach, in der alten Reichsstadt Heilbronn. Der von hier aus schiffbare Neckar bot manch eindrucksvolle Begegnung mit der Binnenschifffahrt und zahlreiche Ausblicke auf mittelalterliche Burgen, so auf Götz von Berlichingens Hornberg. Am Endziel Heidelberg gab das Jahresereignis eines Feuerwerks, das die Schlossruine in ein Flammenmeer zu hüllen scheint, dem Fotoliebhaber Gelegenheit zu einmaligen Nachtaufnahmen.

 

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