Aus „Das Farnkraut“ Heft 3/1970

 

 In Memoriam Dr. Julius Kober

Heimattreu bis in den Tod

 

Zum einzigen Male, seitdem er sein mutiges Dichter- und Forscherleben in den Dienst der Wandersache gestellt hatte, mußte es sich der allverehrte Fürsteher des Rennsteigvereins und wegweisende Betreuer der Thüringer Berg-, Burg- und Waldgemeinden, Dr. Julius Kober, heuer krankheitshalber versagen, am Deutschen Wandertag teilzunehmen. So sehr er in Saarbrücken von seinen unzähligen Freunden vermisst und mit hoffnungsvollen Genesungswünschen bedacht wurde, so unverdrossen nahm er gedanklichen Anteil am Geschehen des Wandertreffens. Noch zum Zeitpunkt der Schluss Kundgebung über der Saarschleife verfolgte sein geistiges Auge das ihm vertraute Erlebnis seiner Wanderfreunde, denen er sich bis zum Finale des Wandertages mit teilhabendem Herzen nahe fühlte. Nur wenige Stunden später vollendete sich - fast genau ein Jahr nach seinem 75. Geburtstag - Dr. Kobers irdische Wanderung.

Statt eines Wiedersehens in Zuversicht auf eine fortwirkende Gemeinsamkeit mit dem aufrechten Thüringer Wandersmann erwartete die zurückkehrenden Wandertagsteilnehmer vom Rennsteigverein und vom Thüringerwald-Verein die unfassbare Kunde von seinem Heimgang; der unerbittliche Auftrag zum Abschied von einem Mitmenschen, der sein ganzes Dasein wandernd, forschend und dichtend in den Dienst an seiner Heimat gestellt hat. Als nimmermüder Schöpfer volksechten, aus dem historischen Boden der grünen Mitte Deutschlands gewachsenen Schrifttums verpflichtet er uns nun erst recht seinem unverfänglichen Lebenswerk, an dem seine getreue Gattin und Mitarbeiterin unschätzbaren Anteil hat.
Die Persönlichkeit Dr. Kobers, der vom Vater, dem profilierten Suhler Kaufmann und Mundartdichter Friedrich Wilhelm Kober, die Liebe zum Mutterland,   seine Begeisterung  für  die Volkskunde und auch die schriftstellerische Begabung geerbt hatte, war geprägt von unerschütterlicher Heimattreue. Sie spricht uns fortdauernd an in seinen vielzitierten „Wald- und Wandersprüchen"; in der von  ihm pfleglich betreuten  16bändigen  â€žThüringer Heimatbücherei"; in den 15 Jahrgängen seines „Thüringer Heimatkalenders"; in seiner mundartlichen Gedicht- und Anekdotensammlung „Fröhliches Thüringen"; in seinen nachgelassenen Prologen zu den großen Thüringer Heimattreffen und zahlreichen Vorträgen über das „unvergessene Thüringen", deren Bilder durch die Kraft  seines   Wortes verlebendigt  wurden.   Sie spricht uns an in der wissenschaftlichen Überlieferung seiner Doktorarbeit über â€žDie Mundart der Stadt Suhl und die wortgeographischen Grenzen ihrer Umgebung"; in den urwüchsigen Volkstücken von der „Bergmannsbraut", vom „Letzten Schulzen von der Lütsche"[i]   u. a., die als wesentlicher Beitrag zur deutschen Laienspiel-Literatur zu werten sind; in der erlebnisträchtigen Landschaftsmalerei   seiner â€žZauberhaften  Rennsteigfahrt", an deren illustrierter Neuauflage er bis zuletzt gearbeitet hat; insbesondere aber auch in einen druckreif abgeschlossenen Aufzeichnungen über die Erforschung der Rennsteige und Rennwege im gesamten deutschen Sprachgebiet, von denen unsere „Farnkraut"-Leser durch die letzte Ausgabe noch Kenntnis erhalten haben. (Anmerkung: lt. Auskunft eines seiner getreuen Wegbegleiter ist es allerdings zum Druck nicht mehr gekommen.)Im Ergebnis dieser Forschungsmühen vor allem tat Dr. Kober dem von ihm nach dem Krieg wiedergegründeten Rennsteigverein — seinem „Ersatz für die verlorene Heimat" — aus heimatnahem Domizil im oberfränkischen Zapfendorf sein Lebensrecht bewahrt; hat er seinen „Rennern" einen bedeutsam erweiterten Arbeitsauftrag im Rahmen der Verbandsgemeinschaft aller deutschen Gebirgs- und Wandervereine erschlossen. In ihr zählte er als Träger des Goldenen Verbandsehrenzeichens zu den prominentesten Repräsentanten der Wanderbewegung. Als solchen würdigten ihn in dankbarster Verehrung die Nachrufe des Verbandspräsidenten Dr. h. c. Georg Fahrbach sowie von Rennsteig- und Thüringerwald-Verein, desgleichen zahlreiche Beileidsbekundungen aus allen deutschen Mittelgebirgslandschaften und die Abschiedsworte bei der außergewöhnlichen Trauerfeier in Coburg.
Überaus groß war der Freundeskreis aus dem Bamberger und Coburger Land und aus dem Frankenwald, der Dr. Kober zur großen Wanderung in die Ewigkeit geleitete. Renner und Rennerinen hielten Ehrenwache am blumenübersäten Sarkophag, während die Klampfengruppe des Zapfendorfer Rennsteigvereins für den Verstorbenen letztmals das Deutsche Wanderlied, das Rennsteiglied und die Vertonung seiner Dichtung „Wenn ich wandre, bin ich König . . ." erklingen ließ. Der Wimpel, unter dem sich Dr. Kober sein Thüringen und die deutschen Heimatlande erwandert hat, erwies ihm noch einmal die Ehre.
 Im Auftrag des Verbandspräsidenten legte Ernst Eckerlein, der Vorsitzende des Thüringerwald-Vereins, einen Kranz nieder, indem er Kobers aufopfernden Einsatz für die Wandersache würdigte. Hauptwanderwart Georg Gunzelmann vom Rennsteigverein schilderte die letzten Stunden des Gedankenaustausches mit Dr. Kober, sprach über seine Lebensaufgabe und die Bedeutung seiner Forschungsarbeit und verabschiedete sich mit dem Versprechen, im Sinne Kobers weiterzuwirken. Ebenso wie Gunzelmann legten Kranzspenden nieder der Zapfendorfer Ortsgruppen-Vorsitzende Michael Ott, der dem „Vater des Vereins" getreuliche Bewahrung seines Vermächtnisses versprach, und Bürgermeister Josef Helmreich, der versicherte, daß der Name des großen Mannes in Zapfendorf so lebendig bleiben werde, wie die Marktgemeinde auf seine Zugehörigkeit zu ihr stolz sei. Nach Abschiedsgrüßen der Burschenschaft, der Thüringischen Landsmannschaft und der Thüringer Tageszeitung, deren Sprecher Dr. Kober für sein Wirken als „prädestinierter Pfleger heimatlichen Gedankengutes" dankte, sprach Franz Reinhardt als persönlicher Freund und Landsmann wie auch als Beauftragter des Thüringerwald-Vereins das Schlusswort. Sein letzter Gruß an den Jugend- und Wanderfreund war ein Fichtenkranz aus den Wäldern der fränkisch-thüringischen Heimat, deren Spaltung Dr. Kober nie verwunden, für deren geschichtlich begründete Einheit er zeitlebens mutig plädiert, durch die sich ihm aber erst jetzt wieder der Weg zurück in die Vaterstadt Suhl geöffnet hat, in der er seine ewige Ruhe finden wird.
Dr. Kobers bekenntnistreue Stimme ist verstummt. Unerfüllt geblieben ist ihm die Sehnsucht, sein Thüringen, den Hort unersetzlicher Kulturwerte, aus denen seine Lebensaufgabe gereift ist, einmal noch in voller Freiheit überall hin durchwandern zu dürfen. Als der von hohen Idealen geprägte und in seiner Heimattreue unübertroffene „Thüringer Wandersmann" wird er in unserer Gemeinschaft fortleben, uns nun erst recht durch seine geistige Wegweisung ermutigen, „den Kräften zu wehren, die sich an der Natur versündigen, und unsere Mitmenschen zu lehren, aus der Erkenntnis der Natur schöpferisch Neues zu gebären".                                                   

 W. U. ( Werner Ungelenk, langjähriger Schriftleiter der Zeitschrift “Das Farnkraut”)


[i] Lütsche war ein Dorf im Thüringer Wald, Herzogtum Gotha, das zur Regierungszeit Ernst II „abgesiedelt“ wurden ist und daher zur „Wüstung“ wurde.

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