Alle Kommentare geben ausschliesslich die Meinung und Einschätzung des Verfassers wieder, nicht eine Stellungnahme des Thüringerwald-Vereins Coburg.

Auszug aus der gedruckten Ausgabe des “Farnkraut” Nr. 1998

 

Gesundes „Farnkraut" im Nationalpark



Das „Farnkraut" gibt es als botanisch korrekte Bezeichnung eigentlich nicht. Die Farne bilden eine eigene Pflanzengruppe mit zahlreichen Arten, die beileibe nicht alle die bekannten gefiederten Wedel aufweisen.
Was unseren Vorstellungen von einem „Farnkraut" entspricht, sind wohl verschiedene Arten aus der Familie der Tüpfelfarngewächse, insbesondere, Gemeiner Tüpfelfarn, Wurmfarn, Eichenfarn, Buchenfarn und der besonders großwüchsige Adlerfarn.

 „Wappenpflanze" ist der Farn nicht allein für den Thüringerwald-Verein, sondern auch für den Bayerischen Waldverein. Das wäre aber nicht Grund für einen Urlaubsaufenthalt im Bereich des Nationalparks Bayerischer Wald.

Anläßlich der Erweiterung des Nationalparks war ja dessen Konzept in der betroffenen Region stark umstritten, es gab Protestdemonstrationen der einheimischen Bevölkerung dagegen, es gab ein lebhaftes Medienecho. Das macht neugierig.

Ein Nationalpark ist nicht mit einem Naturpark gleichzusetzen. Die Schutzbestimmungen des Nationalparks gehen weit darüber hinaus. Vor allem ist die sonst übliche Nutzung durch Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Jagd ausgeschlossen.

Die Natur bleibt sich selbst und den eigenen Gesetzmäßigkeiten überlassen. Umstritten war und ist der Ausschluß der üblichen Schädligungsbekämpfung, insbesondere der Borkenkäfer. Diese haben vorgeschädigte Baumbestände angefallen, was zu großflächigem Waldsterben geführt hat.

Es wird lediglich eine Pufferzone zu den angrenzenden Wirtschaftswäldern eingerichtet. Auch wird dafür gesorgt, daß niemand auf den ausgewiesenen Wegen (im Kernbereich herrscht strenges Wegegebot!) durch etwa umstürzende Bäume oder herabfallene Äste gefährdet werden kann. Ein gewisser Eingriff ist natürlich auch der Unterhalt der Tierfreigehege.
Eins ist sicher festzustellen: insbesondere im Bereich des Lusen, vielbesuchter, mit 1373 m einer der höchsten Berge, sind viele Hektar an Fichtenbeständen abgestorben. Es dürfte recht spekulativ sein, diesen Zustand in die Visionen des legendären Waldpropheten „Mühlhiasl" hineinzulegen.

Aber es gibt gerade in diesem geschädigten Bereich auch eine ungemein vitale Waldverjüngung und reichen Unterwuchs, wie ich in ihn dieser Art und Vielfalt sonst bisher nirgends gesehen haben.
In Nachbarschaft gerade zu den großflächig abgestorbenen Fichten am Lusen wachsen Farne in einer Fülle, die man andernorts lange vergeblich suchen kann.

Wenn die abgestorbenen Bäume langsam, im jahrzehntelangen Prozeß vermodern können, dann geben sie dadurch das an Nährstoffen zurück, was sie im Laufe ihres Wachstums entnommen haben. Dies
begünstigt wiederum das Wachstum anderer Lebewesen. Zudem bietet Totholz Schutz und Lebensraum für viele Tierarten.
Klar: die üblichen Wirtschaftswälder, insbesondere die Nadelholzkulturen, die auch im „Naturpark" vorherrschen, können gar nicht die Artenvielfalt erbringen. In Fichtenmonokulturen finden wir am Boden meist außer abgefallenen Nadeln wenig.

Um jetzt nicht mißverstanden zu werden: natürlich kann unser Land nicht auf wirtschaftlich genutzte Wälder bzw. Forsten verzichten, und niemand denkt daran, nun überall Nationalparks einzurichten. Der Nationalpark ist ja nur ein kleiner Teil des Bayerischen Waldes und dieser nur einer unter den zahlreichen Mittelgebirgswäldern Bayerns.

Es entläßt der Nationalpark hoffentlich niemanden, ohne etwas über unseren Lebensstil unserer westlichen Industriegesellschaft nachzudenken. Nun bürgt ja der Name des Informationszentrums „Hans Eisenmann-Haus" dafür, daß hier nicht etwa die Hochburg radikaler Ökologen steht, erinnert er doch an einen früheren bayerischen Landwirtschaftsminister.
Und dennoch: die didaktisch hervorragend aufgebauten Schauen geben mehr als einmal Anlaß zu kritischer Reflektion über unsere ökonomisch-soziales System, unseren vielbeschworenen Wachstumsfetischismus, ohne etwa die „gute, alte Zeit" zu glorifizieren. Kritisch mit Schockeffekten auch die heurige Sonderschau über den Massenferntourismus, eine „heilige Kuh"
unserer Werteordnung.

Alles in allem: das Nationalpark-Konzept stimmt, und es ist erfreulich, daß auch in Thüringen im Hainich ein Nationalpark entsteht.

Hans D. Bürger
 

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