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Vorbemerkung:
Es gibt wohl in Coburg kaum einen Verein, der so vielfältige Interessen anspricht wie unser Thüringerwald-Verein. Dieser ist eben nicht “nur” Wanderverein, sondern befasst sich auch mit Heimatgeschichte und Heimatkunde, und auch mit Naturkundlichen Themen. Das “nur” in Anführungszeichen, weil das Wandern an sich “bewandert” macht. Natürlich kann man auch die Sinne der Umgebung verschliessen und nur auf die erreichten Kilometer schauen. Wer anders wandert, wird sich eben ganz von selbst auch für naturkundliche, heimatgeschichtliche und auch kunstgeschichtliche Themen interessieren.
Immer wieder gelang es dem Verein, hervorragend kompetente Referenten zu gewinnen, auch aus den eigenen Reihen. Ein Beweis hierfür ist der Bericht in der Ausgabe 4/1964 über den August-Waldabend mit einem Vortrag von Wfr. Karl Arnold. Dieser Autor verfügte offensichtlich über beachtliche Qualitäten als Fotograf, wie die mit abgedruckte Aufnahme beweist, wegen der damals geringeren Druck-Qualität allerdings hier nicht wiederzugeben.
Wind und Insekten als Liebesboten
Fortpflanzung und Nachkommenfürsorge bei Pflanze und Tier
Alles Leben in der Natur steht unter den Gesetzen von der Erhaltung des Einzelwesens und der Art. Das Einzelwesen erhält sich durch Anpassung an die Umweltverhältnisse und besteht so den Kampf ums Dasein. Die Art wird erhalten durch Vermehrung. Jedes Wesen ist bestrebt, seiner Art die Welt zu erobern. Im Zeichen dieses Strebens steht alles, was irgendwie die Polarität der Geschlechter erkennen lässt bei Pflanze und Tier. Es ist nun einmal ein Naturgesetz — von wenigen Ausnahmen abgesehen —, dass nur durch die Vereinigung von Eizelle und Samenzelle das neue Wesen entstehen kann, welches die Art erhält. So ist das große Blühen in der Natur ein einziger großer Liebesrausch, wenn es auch manchem widerstrebt, von einem „Liebesleben der Pflanzen" zu sprechen. Es ist nur anders als das, welches die Menschen empfinden. Deutlich veranschaulicht wurde das durch die Farbdias, die Karl Arnold für den August-Waldabend zusammengestellt hatte.
Die Pflanzen, die ja an einen bestimmten Ort gebunden sind, bedienen sich, um eine Vereinigung der verschiedenen Geschlechter herbeizuführen, verschiedener „Liebesboten“: Wind, Wasser, Insekten. Diesen Liebesboten haben sie sich im Laufe der Entwicklung auf das wunderbarste angepasst. Der Haselstrauch z. B. überlässt schon im zeitigen Frühjahr seinen Blütenstaub dem Wind, der ihn auf die roten Narben der weiblichen Knospen überträgt. Alle Gräser ähneln sich in ihrem Blütenbau: An spinnwebzarten Stielchen hängen die Staubbeutel wie winzige Banänchen aus der Blüte heraus; durch einen schmalen Schlitz wird der Blütenstaub bei trockenem Wetter dem Wind überlassen. Auch die Brennessel hat — als zweihäusige Pflanze — ihre besonderen „Windgeheimnisse". Einen Übergang von der Windbestäubung zur Insektenbestäubung konnte man erkennen bei den Blütenständen des Wegerichs, die zuerst weiblich sind und danach männlich werden. Obwohl Windblütler, duftet der mittlere Wegerich und wird auch schon von Insekten beflogen.
In welch vollendeter Weise es manche Blumen verstanden haben, sich ihren Bestäubern — Fliegen, Bienen, Hummeln, Tag- und Nachtfaltern — anzupassen, zeigten Makro-Aufnahmen von der Schlüsselblume mit ihren verschieden langen Griffeln, von Aronstab und Osterluzei als Kesselfallenblumen, der Wiesensalbei mit ihrer mechanischen Schlageinrichtung. Manche Blüten haben sich besonders den Nachtfaltern angepasst, wie das nickende Leimkraut, das seine Blüten erst am Abend öffnet und duften lässt, während es am Tage wie verwelkt aussieht. Dambrett Falter auf Kleeblüte
Auch die Fürsorge für die Nachkommen ist bei den Pflanzen in oft raffinierter Weise ausgebildet: Der Löwenzahn bedient sich des Windes, um seine Samen in die Welt zu schicken. Ähnlich machen es Linde, Ahorn und die Nadelbäume. Das Schellkraut hält es mit den Ameisen, für die es einen „Bonbon" bereithält. Andere hängen ihre „Klettfrüchte" dem Weidevieh an und den Menschen, so dass z. B. der mittlere Wegerich bei den Indianern die „Spur des weißen Mannes" genannt wird. Der Storchschnabel hat eine Schleudereinrichtung erfunden, ähnlich das Kräutlein „Rühr-mich-nicht-an!" Der Reiherschnabel bohrt den Samen bei feuchtem Wetter in den Boden hinein. So gibt es unzählige Erfindungen der Pflanzen, um ihre Pflanzenkinder in die Welt zu schicken.
Nicht weniger interessant waren die Beispiele aus der Tierwelt. Man konnte den Hochzeitstanz der Weinbergschnecken sehen, erfuhr von dem Liebespfeil, den die Schnecken verschießen, und dass sie sowohl Weibchen wie Männchen sein können. Das Licht des Glühwürmchens konnte man in Großaufnahme bewundern und hörte, dass es der Auffindung des ungeflügelten, ebenfalls leuchtenden Weibchens dient. Die Entwicklung des Schmetterlings von der Raupe über die Puppe zum Endstadium (Imago) war in eindrucksvollen Aufnahmen festgehalten. Den Höhepunkt bildeten jedoch noch nie gesehene Aufnahmen aus dem Nistkasten einer Kohlmeisenfamilie von der Fütterung der Jungen und von der Sauberhaltung der Kinderstube, wie die Vogelmutter das Kotpäckchen dem Jungen abnimmt und es hinausbefördert.
Man erlebte die Wahrheit des Goethe-Wortes, mit dem der Vortragende Schloss: „Was kann der Mensch im Leben mehr erringen, als dass sich Gott Natur ihm offenbare."
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