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NEUE PRESSE, Coburg, Lokalteil „Coburg-Land“ vom 6. MĂ€rz 2010-03-18,

Seite 17

 

Artikel: „Tempolimit durch die HintertĂŒr“

Interview mit einem Experten des ADAC Nordbayern: „Es gibt sicherlich GrenzfĂ€lle“

Kommentar Volker Friedrich „Die Kunst des Konstruierten“

 Anmerkungen H.D.BĂŒrger

 Tempolimit durch die HintertĂŒr

 Von Volker Friedrich

Autobahn | Aus LĂ€rmschutzgrĂŒnden fordert eine BĂŒrgerinitiative mit Nachdruck eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Sie ist aber aus rechtlichen GrĂŒnden nicht möglich. Und plötzlich argumentieren Politiker mit der Verkehrssicherheit. Bei der CSU ist das umstritten.

Ebersdorf/Lichtenfels - Auf einer Strecke von rund zehn Kilometern soll es zwischen Lichtenfels und der Höhe von Buch am Forst demnĂ€chst ein Tempolimit von 120 km/h geben. Die GeschwindigkeitsbeschrĂ€nkung werde die Verkehrssicherheit deutlich erhöhen „und fĂŒr weniger UnfĂ€lle sorgen", freut sich der Lichtenfelser Landrat Reinhard Leutner (CSU). Als „Nebeneffekt" diene sie auch dem LĂ€rmschutz der Anwohner.

Diese Lesart ist nach Informationen der Neuen Presse allerdings eine kĂŒnstliche Konstruktion, die Leutner zusammen mit seinem Parteifreund Christian Meisner auf politischer Ebene durchgedrĂŒckt hat. Denn die Fakten geben keinen Anlass fĂŒr ein Tempolimit, zumindest nicht auf einer derartigen LĂ€nge. Abgesehen von dem Dreieck bei Lichtenfels, wo die B 173 in die A 73 einmĂŒndet, hat es seit dem LĂŒckenschluss im September 2008 keinerlei AuffĂ€lligkeiten gegeben. Zur Zeit liegt die Streckenbelastung auf der A 73 im Bereich Lichtenfels bei 18000 Fahrzeugen tĂ€glich, ausgelegt ist die Autobahn fĂŒr bis zu 45000 Fahrzeuge pro Tag. Zum Vergleich: Die A 9 zwischen Hof und Bayreuth nutzten 2005 tĂ€glich 56000 Kraftfahrzeuge.

 Von Anfang an ging es auch nie um sicherheitsrelevante Aspekte, sondern um den LĂ€rmschutz im Bereich von Kosten. Innerhalb der CSU gibt es jetzt massiven Widerstand gegen ein Tempolimit ĂŒber eine Strecke von zehn Kilometern von 120 km/h von Lichtenfels bis Buch am Forst. „Das war ein Alleingang von zwei Parteifreunden, den ich nicht unterzeichnen kann", so ein MandatstrĂ€ger.

Anmerkung: Wenn die BefĂŒrworter des Tempolimits namentlich genannt werden, so sollte auch dieser „MandatstrĂ€ger“ nĂ€her vorgestellt werden.

Am 4. November vergangenen Jahres hatte Herrmann bei einem Ortstermin darauf hingewiesen, dass die BĂŒrgerinitiative „Besserer LĂ€rmschutz" aus rechtlichen GrĂŒnden keine Chance habe, ein Tempolimit durchzusetzen. Dies sei nur zur UnfallverhĂŒtung möglich. Fortan drehte sich die Argumentation.

 Eine Chronologie der Ereignisse:

 Dienstag, 9. 12. 2008: Bei einem „runden Tisch" im Landratsamt Lichtenfels diskutieren BĂŒrger und Experten Lösungen fĂŒr den LĂ€rmschutz. Harald Schramm aus Kosten unterscheidet StraßenlĂ€rm in „laut", „sehr laut" und „viel zu laut". In Kosten sei es eindeutig „viel zu laut".

 Freitag, 6. 2. 2009: Bei einer BĂŒrgerversammlung in Kösten werden Forderungen nach einem Tempolimit immer lauter. Viele BĂŒrger könnten wegen des LĂ€rms ihre Terrassen nicht mehr nutzen. Meißner sagt, die LĂ€rmproblematik hĂ€tte man vorher in diesem Ausmaß nicht gekannt und fordert eine Nachmessung. Forstdirektor Dietmar Gross fordert, das Geld statt fĂŒr eine prestigetrĂ€chtige BrĂŒckenbeleuchtung bei Kosten fĂŒr den LĂ€rmschutz auszugeben.

Anmerkung: Ich selbst kenne Kösten nur vom Durchfahren auf der Nebenstraße und auch dies war vor der Autobahn-Eröffnung. Die LĂ€rmbelastung kann ich aber nachvollziehen. Die HĂ€user von Kösten liegen an einem Hang, der zu der LĂ€rmquelle hin abfĂ€llt. Auch unser Haus liegt am Hang, in diesem Fall Dörfles-Esbach zum Itztal hin.

Mittwoch, 13. 5. 2009: Die Landtagsabgeordnete Christa Steiger (SPD) beklagt in einer Pressemitteilung, dass die Autobahn „doch leider auch fĂŒr viele Anlieger eine gesteigerte LĂ€rmentwicklung mit sich" bringt. „Im Bereich von Kösten muss es meines Erachtens doch ermöglicht werden können, dass ein Tempolimit die LĂ€rmbelastung senkt und die Bevölkerung entlastet."

 Samstag, 5. 9. 2009: Zum Jahrestag des LĂŒckenschlusses demonstriert die BĂŒrgerinitiative „Besserer LĂ€rmschutz" gegen die „starre Haltung" des Innenministers. Man sei tief enttĂ€uscht, dass der BĂŒrgerwille so hartnĂ€ckig ignoriert werde.

 Sonntag, 13. 9. 2009: Toni Hofreiter, Verkehrsexperte der GrĂŒnen im deutschen Bundestag, rĂ€t der BĂŒrgerinitiative, die „LĂ€stigkeitsschwelle" zu ĂŒberschreiten und immer wieder ihrer berechtigten Forderung nach einem besseren LĂ€rmschutz Nachdruck zu verleihen. Auf Transparenten ist zu lesen: „Besserer LĂ€rmschutz jetzt" und „LĂ€rm im Tal! Was bringt die Wahl?"

 Mittwoch, 4. 11. 2009: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann macht bei einem Ortstermin deutlich, dass es fĂŒr ein Tempolimit wegen LĂ€rmschutz keine rechtliche Grundlage gebe.

 

Dienstag, 29. 12. 2009: Das Innenministerium teilt der Autobahndirektion Nordbayern mit, dass „im Bereich der VerknĂŒpfung der Autobahn mit der Bundesstraße 173 eine GeschwindigkeitsbeschrĂ€nkung aus GrĂŒnden der Sicherheit und Ordnung des Verkehrs auf 120 km/h anzuordnen" sei. Von der LĂ€nge, von einer Ausweitung nach Norden ĂŒber zehn Kilometer bis Buch am Forst ist nicht die Rede. Auf Nachfrage der Neuen Presse bekrĂ€ftigt ein Sprecher des Innenministeriums: „Die Festlegung der LĂ€nge der BeschrĂ€nkung blieb im Benehmen der Autobahndirektion und des fĂŒr die B 173 zustĂ€ndigen Landratsamtes Lichtenfels."

Donnerstag, 4. 2. 2010: Pei Pressemitteilung gibt das Landratsamt Lichtenfels die EinfĂŒhrung einer GeschwindigkeitsbeschrĂ€nkung zwischen der Anschlussstelle Lichtenfels bis oberhalb von Buch am Forst auf einer LĂ€nge von rund zehn Kilometern in beiden Richtungen bekannt. Landrat Leutner: „Diese GeschwindigkeitsbeschrĂ€nkungen sollen die Verkehrssicherheit ...deutlich erhöhen und fĂŒr weniger UnfĂ€lle sorgen. Als Nebeneffekt dient sie auch dem LĂ€rmschutz fĂŒr Anwohner."

Christian Meißner antwortet auf die Frage, ob diese BegrĂŒndung nicht ganz offensichtlich konstruiert sei: „Das ist ihre Interpretation." Allerdings gibt der Politiker zu, dass der LĂ€rmschutz nicht nur bei Kosten primĂ€res Ziel aller Politiker gewesen sei. „Meißner: Wenn Sie von NĂŒrnberg ĂŒber den Frankenschnellweg nach Norden fahren, haben Sie fast bis Forchheim Tempolimits verschiedener Art. Kein Mensch macht mir weiß, dass die alle allein aus GrĂŒnden der Verkehrssicherheit notwendig waren."

Anmerkung: Dieses Argument dĂŒrfte zutreffend sein. Ich bin den Frankenschnellweg frĂŒher hĂ€ufig gefahren und kenne ihn schon von der Bauphase her. Speziell im Stadtbereich von Erlangen gab es, wenn ich mich jetzt recht erinnere, schon immer ein Tempolimit von 80 km/h. Die Wohnbebauung reicht hier besonders nahe an die Autobahn, insbesondere HochhĂ€user haben hier ganz sicher Probleme.

Diese Argumentation ist zumindest innerhalb der CSU nicht unumstritten. Die Kritik an den Lokalmatadoren Leutner und Meißner beziehungsweise an der Durchsetzung eines Tempolimits auf zehn Kilometern LĂ€nge mit fragwĂŒrdigen Argumenten ist inzwischen auch Innenminister Joachim Herrmann zu Ohren gekommen. Und der rudert jetzt auch prompt zurĂŒck. „Aus laienhafter Sicht", so der Innenminister in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk, sei das geplante Limit etwas weit ausgedehnt worden Richtung Norden. „Das muss man sicher noch einmal ĂŒberprĂŒfen."

  

Interview mit JĂŒrgen Hildebrandt, Verkehrsexperte des ADAC

 

Es gibt sicherlich GrenzfÀlle"

 Herr Hildebrandt, warum ist der ADAC gegen ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen?

 

Ein generelles Tempolimit ist weder aus GrĂŒnden der Verkehrssicherheit noch aus UmweltschutzgrĂŒnden notwendig. Die punktuelle Anordnung von Geschwindigkeitsbegrenzungen aus LĂ€rmschutzgrĂŒnden ist ja bereits heute möglich.

Ein Tempolimit wegen LĂ€rmschutz ist juristisch nicht durchsetzbar, also kommen Politiker mit der Verkehrssicherheit ums Eck. Kennen Sie vergleichbare FĂ€lle?

Die juristische Durchsetzbarkeit ist abhĂ€ngig von der konkreten LĂ€rmbelastung und damit von der Berechnung der LĂ€rmwerte. Von daher wĂŒrde ich nicht sagen, dass ein Tempolimit aus LĂ€rmschutzgrĂŒnden generell nicht juristisch durchsetzbar ist. Wenn die Berechnungen eine LĂ€rmbelĂ€stigung ergeben, die die Grenzwerte ĂŒberschreitet, kann eine lĂ€rmmindernde Maßnahme angeordnet oder sogar erstritten werden. Hierbei gibt es sicherlich auch GrenzfĂ€lle.

Ein Autofahrer wird geblitzt und kann nachweisen, dass das Tempolimit nur aus politischen GrĂŒnden besteht. Hat er eine Chance vor Gericht?

Anmerkung: Das ist eine ziemlich ĂŒberflĂŒssige Frage.

Man darf nicht vergessen, dass GeschwindigkeitsbeschrĂ€nkungen aus politischen GrĂŒnden ja meist auch auf die Initiative von  BĂŒrgern   zurĂŒckzufĂŒhren sind. Daher gibt es stets einen Grund oder einen gewissen Leidensdruck der Bevölkerung, der hinter einer GeschwindigkeitsbeschrĂ€nkung   steht.  GrundsĂ€tzlich sollte auch festgehalten werden,   dass   der  Autofahrer oder die Autofahrerin wĂ€hrend der Fahrt Verkehrszeichen nicht selbst interpretieren oder anzweifeln dĂŒrfen. Eine angeordnete Geschwindigkeitsbegrenzung ist prinzipiell zu befolgen.

 Kann man sich gegen willkĂŒrliche Tempolimits dann ĂŒberhaupt wehren?

 Man muss der verkehrsrechtliche Anordnung bei der Behörde  widersprechen,   diese  also beklagen.  Das Verwaltungsgericht wird dann, sofern die Klage  angenommen   wird,    die RechtmĂ€ĂŸigkeit der Anordnung ĂŒberprĂŒfen. Da kommt es auf den Einzelfall an. Auf jeden Fall liegt   das   Prozesskostenrisiko auf Seiten des KlĂ€gers.

 

Kommentar

 Die Kunst des Konstruierten

 Von Volker Friedrich

Politik ist die Kunst des Möglichen. Wenn etwas nicht möglich ist, besteht die Kunst der Politik dann darin, es so hinzubiegen, dass diejenigen, die am lautesten rufen, ihren Willen bekommen? Manchmal hat es wirklich den Anschein. Bei Lichtenfels gibt es einen sehr gefĂ€hrlichen Abschnitt der A 73. Wegen einer Kurve, die immer enger wird und der EinmĂŒndung der B 173. Diese Zeitung hat mehrfach darauf hingewiesen. Kein Hahn hat danach gekrĂ€ht. Die Unfallzahlen gĂ€ben keinerlei Anlass, irgendetwas zu Ă€ndern

 Anmerkung: Diese „sehr gefĂ€hrliche Stelle“ habe ich bisher nicht gefunden, zumindest nicht im Bereich der EinmĂŒndung der „B 173“ in die „A 73“ bei Lichtenfels. Wenn es eine zu enge Kurve im Verlauf der „A 73“ gibt, dann ist diese im Bereich Esbach – Lautertal.

Und jetzt plötzlich ist alles ganz anders. Um den Forderungen einer Köstener BĂŒrgerbewegung nach mehr LĂ€rmschutz gerecht zu werden, muss die Verkehrssituation am Lichtenfelser Dreieck als BegrĂŒndung fĂŒr ein Tempolimit dienen, das bei der Gelegenheit gleich bis vor die Tore von Ebersdorf ausgeweitet wird. Die Coburger Polizei, die fĂŒr die Autobahn bis Ebensfeld zustĂ€ndig ist, ist alles andere als glĂŒcklich darĂŒber. Denn sie muss das Personal fĂŒr eine Überwachung vorhalten, die zum grĂ¶ĂŸten Teil sinnlos ist.

 

Hierzu Leserbrief H.D.BĂŒrger, veröffentlicht 16.03.2010

LĂ€rmschutz mehr   beachten!

Ob neue Eisenbahn- oder Straßenbauprojekte: der LĂ€rmschutz fĂŒr die Anlieger, die ja zuerst da waren, kommt nach meiner Erfahrung und EinschĂ€tzung zu kurz. Die Autobahn und, wie zu befĂŒrchten ist, wohl auch die Bahn-Neubaustrecke belasten die angrenzenden Wohngebiet aber mehr als jedes andere hierzulande denkbare Verkehrsmittel.

In der „np“ v. 6.03., S. 17  ist die GeschwindigkeitsbeschrĂ€nkung zum LĂ€rmschutz auf der „A 73“ wieder einmal Thema, und zwar hinsichtlich des Lichtenfelser  Stadtteils  Kösten.

Respekt und Anerkennung verdient vor allem der Sprecher des „ADAC. Er hat nicht nur als ein Auto-Lobbyist gesprochen, sondern auch VerstĂ€ndnis fĂŒr die lĂ€rmgeschĂ€digten Anlieger geĂ€ußert. Ein VerstĂ€ndnis, das bei manchen Politikern und „MandatstrĂ€gern“ , wohl auch manchen Zeitungsleuten hierzulande fehlt. Nach Aussage dieses „ADAC“-Sprechers ist ein Tempolimit aus LĂ€rmschutzgrĂŒnden sehr wohl möglich, wenn die LĂ€rmbelastung im Wohnbereich bestimmte Grenzwerte ĂŒberschreitet. Diese Grenzwerte werden im Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren jeweils berechnet, was zunĂ€chst nicht anders möglich ist. Die tatsĂ€chliche Situation stellt sich erst nachtrĂ€glich heraus.

Richtig ist der Hinweis von MdL Christian  Meißner auf die GeschwindigkeitsbeschrĂ€nkungen auf der „A 73“ im Bereich Erlangen-Forchheim. Wenn die Beschwerden der Anwohner in Kösten nicht berechtigt wĂ€ren, hĂ€tte sich wohl weder er noch Landrat Leutner in dieser Weise engagiert.

Der  von Herrn Friedrich („np“-Redaktion) beklagte „sehr  gefĂ€hrliche Abschnitt“ an der „A 73“ ist mir bisher weniger aufgefallen, aber etwas ganz  anderes: bei Zapfendorf (Landkreis Bamberg) entstanden vor kurzem neue LĂ€rmschutzbauten an der „A 73“. Ab und an wird eben doch nachgebessert. Sicherlich ist es nicht notwendig, das Tempolimit in einen nicht besiedelten Raum hinein zu verlĂ€ngern, wo links und rechts nur Wald ist. Auch auf der Autobahn gilt es, die Geschwindigkeit der ĂŒberschaubaren Situation anzupassen. Ich bin aber der Meinung, dass nicht nur im Bereich von Kösten oder Zapfendorf ĂŒber mehr LĂ€rmschutz nachgedacht werden mĂŒsste..

WÀhrend der Schönwetterperiode mit ungewöhnlich hohen Temperaturen und, vor allem, lebhaftem Ostwind ist hier am Itzabhang in Dörfles-Esbach wieder einmal heftige LÀrmeinwirkung.

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