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Harmonischer Gesamteindruck von beiden Seiten, gerade mit der zweiten Durchfahrt, auch an dem verregneten Pfinstsamstag 2011!

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Oben Veste, unten “Festung”?
 

Nein, nicht von der Veste Coburg soll hier die Rede sein. Diese steht hoch über der Stadt und ist schon viel besungen und beschrieben worden. Nein, von einer neuen Stadtbefestigung, welche einige Stadtplaner für den Bereich “Ketschentor” vorgesehen haben.

Eine Woche vor Pfingsten, also bevor man in Coburg allgemein zum Feiern übergeht, stehen doch nacheinander Pfingstkongress, Samba-Fest, Schlossplatzfest und Vogelschießen an, wurde eine neuerliche Diskussion um die Gestaltung der „Ketschenvorstadt“ losgetreten. Es geht um die Ausführung bzw. den Umbau des Ketschentores. Der Rückbau des zweiten Durchgangs bzw. der Durchfahrt wurde kritisiert, wodurch das ganze einen abweisenden Anblick auf Gäste mache. So ein führende Ratsherr in der “np” vom 4. Juni 2011
 

In der Tat hat auch mich der Anblick der Zeichnung in der „np“ vom 4. Juni etwas erschreckt. Die zweite Durchfahrt, erst nach 1945 entstanden, soll durch eine eher durchschlupfartige Pforte ersetzt werden. Anfänglich breiter, verengt sie sich auf nur noch 1,65 m.
 

Sicherlich vermittelt dieses hier geplante architektonische Ensemble  nicht den Eindruck, dass  eine moderne Einkaufs- und Dienstleistungsstadt auf Besucher wartet. Auf mich würde  viel eher der Eindruck entstehen, dass hier eine Burg- und Wehranlage oder auch ein Museum zu besichtigen sei.
 

Es dauerte bis zum 9. Juni, bis in den Zeitungen Reaktionen kamen, teils der Kritik zustimmend, teils ablehnend.
 

Einigermaßen absurd erscheint mir der Hinweis auf Seßlach, die Stadt hält bekanntlich zu den Wochenden (!) die Tore geschlossen. Nun ist dieses Städtchen Touristenattraktion geworden, aber kaum jemand fährt zum Einkauf dorthin, zumindest nicht in die Altstadt. Auch der Hinweis auf „Touristenbusse“ in einem Leserbrief vom 9. Juni 2011 erscheint abwegig. Diese Art von Tourismus wird für Coburg nie die überragende Bedeutung als Wirtschaftsfaktor haben. Die Zahl von Touristenbussen außerhalb besonderer Events war bisher stets überschaubar. Nicht jeder wird dies als Nachteil ansehen. Ebenso wenig kann die Erwartung überzeugen, die zugemauerte Stadt würde “neugierig” machen. Die weitaus meisten Passanten des Ketschentores werden Coburg bereits kennen und brauchen nicht mehr “neugierig” gemacht zu werden. Und wer Coburg noch nicht kennt, aber angereist ist, der ist bereits “neugierig”, sonst wäre er nicht gekommen.
 

Nun wurde in Coburg vor zwei Jahrhunderten die „Ringstraßen“- Lösung nicht wahrgenommen. In vielen anderen historischen Städten wurden zu Anfang des 19. Jhdts. die Stadtbefestigungen abgebrochen, “geschleift”, kurzum wie auch immer  beseitigt und durch grosszügige Ringstraßen ersetzt. Das war eine Konzession an moderne Verkehrsentwicklung lange vor Erfindung des Automobils. Sehr schön sichtbar bis heute etwa in Würzburg. Durch das Sternbastionen-System war hier die Stadtbefestigung besonders ausgedehnt und eröffnete die Möglichkeit, Prachtstraßen zu bauen und auch noch Raum für Grünanlagen zu gewinnen.
 

Auch der Begriff „Boulevard“ entstammt dieser Zeit. Aber das ist vorbei und im Falle Coburg nicht mehr zu ändern. Aber der Anspruch, eine für Gäste offene Stadt zu sein, sollte auch optisch unterstrichen werden. In diesem Falle war der Abbruch aus der Epoche nach 1945 eine Chance. Damals war ja gerade der Süden der Stadt für einige Jahrzehnte der Empfang.
 

“Mittelalterlich” ist allerdings weder der jetzige Zustand noch der lt. Planung der Neugestaltung. Ursprünglich gab es ein inneres und ein äußeres Ketschentor. Das jetzt stehende ist das äußere. Lehfeldt-Voß schreibt hierzu in dem um 1900 erscheinenden Standardwerk der “Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens”:

Das Aeussere Ketschenthor. Dessen Thurm zuerst 1303 errichtet. Der Haupttheil des äusseren Ketschenthors ist alt, auch unten die Spitzbogen-Thore, aber um 1894 erneuert. Die Durchfahrt mit neuer Holzdecke, an welcher der Reichsadler und in den Ecken Wappen aufgemalt sind. An der Aussenseite über dem Thorbogen eine Tafel noch aus dem 15. Jahrhundert (nach Rothbart, Fragebogen-Mittheilungen des Landgrafen Friedrich des Strengen und seiner Gattin Katharina 1350. — Hönn I, 8. 128) mit dem Hennen- und Löwen-Wappen, darüber wohl das Kleinod mit einem Mädchen-Oberkörper und die Krone mit Pfauenbusch. Höher dann je zwei schmale rechteckige Schiessscharten über einander an der Stadtseite wie an der Aussenseite. Darauf folgt ein späterer viereckiger Aufbau, der dann durch Abschrägung achtseitig wird. Hier an der Stadtseite und Aussenseite das Zifferblatt der Uhr, ein Fenster zudeckend, darüber an der Stadtseite eine Tafel mit Inschrift von 1713; darauf Schweifkuppel, Arcadenaufsatz und Kuppel. ..Das äussere Ketschenthor hatte zu Anfang des 17. Jahrhunderts ein halb abgewalmtes Satteldach mit Dacherker. Davor eine 1686 erneuerte Brücke über den Graben.

Das Ketschenthor steht jetzt mitten in der Strasse (zuerst 1828 Nebenbauten aufgeführt). Westlich ist ein Privathaus angebaut. Oestlich ein modernes Fussgänger-Thor, nach aussen etwas weiter gehend, wie das alte Thor, im gothischen Stil, mit Flachbogen-Durchgang; darauf Gesims; Obergeschoss an der Stadtseite mit dem Stadtwappen, darauf mit abgestuftem Giebel versehen; nach aussen ein kleines Gebäude mit theils rechteckigen, theils giebelförmig überdeckten Fenstern, darüber blinde Schiessscharten und Zinnenabschluss.

H.D.Bürger

Der jetzige Bauzustand ist also im wesentlichen das Ergebnis der Neubebauung nach Abbruch der alten Stadtmauer im neugotischen Stil, sieht man einmal von dem Durchbruch nach 1945 ab.

Was spricht eigentlich dagegen, die eine Durchfahrt für den Kraftverkehr zu erhalten, den es ja nach wie vor geben soll, die andere aber für Fußgänger?

Die jetzigen Fußgängerdurchlässe sind seit langem zu schmal.


 

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