Aus “Das Farnkraut” Heft 2/1964 S. 7

Vor 90 Jahren verstorben:
 


Heinrich Schaumberger
 

Schöpfer des  bedeutendsten Charakterbildes unserer fränkisch-thüringischen Heimat
 


Heinrich Schaumberger, geboren 15. Dezember 1843. gestorben 16. März 1874. — Also lautet -  ebenso wie an „seiner" Schule zu Weißenbrunn v. W. — die nüchterne Inschrift eines schlichten Kreuzes an der Kirchhofmauer des Graubündener Kurortes Davos in den Schweizer Bergen. Zum 90. Male jährt sich also nunmehr der Tag, an dem der aus Neustadt bei Coburg gebürtige „Dichter nordfränkisch-thüringischen Dorflebens" im fernen Schweizerland ein Vierteljahr nach seinem 30. Geburtstag von dem unheilbaren Halsleiden dahingerafft wurde, das sich ihm von der geliebten Mutter vererbt hatte. Geblieben sind uns Schaumbergers aus tiefem Heimatempfinden und eiserner Energie geborene Werke. Sie sind unvergängliche Zeugnisse der die heimatlichen Grenzen überstrahlenden Bedeutung dieses schriftstellernden und dichtenden Pädagogen, dessen beste Schöpfungen nicht ohne Berechtigung denen des Niederdeutschen Fritz Reuter zur Seite gestellt werden.

Ein Denkmal an der Straße zu Neustadt, die seinen Namen trägt, sowie Gedenktafeln an den Wirkungsstätten des Schulmannes Heinrich Schaumberger in Einberg, Ahlstadt und Weißenbrunn vorm Wald sind die sichtbaren Marksteine des kurzen Lebensweges der Dichter-Persönlichkeit. Seinen Anfang genommen hat dieser Lebensweg in der alten Neustadter „Glockenbergschule". Hier erblickte Heinrich als einziger Sohn des Kantors Georg Friedrich Schaumberger das Licht der Welt. Dass der Nachweis seines Geburtstages (15. oder 16. Dezember 1843) umstritten wird, ist unerheblich.
Sechs Jahre alt war Heinrich Schaumberger, als sein Vater 1849 nach Weißenbrunn v. W. versetzt wurde — sehr zur Freude der von dort stammenden Mutter Margarete, die sich der Rückkehr in die Landschaft ihrer Kindheit jedoch nicht allzu lange erfreuen sollte. Sie fiel ihrem tückischen Leiden zum Opfer, als Heinrich knapp zehn Jahre alt war.
Dieser erste sein junges Leben verdüsternde Schmerz mag bestimmend geworden sein dafür, dass Heinrich Schaumberger Weißenbrunn — dem Mittelpunkt all seiner Jugenderinnerungen und der daraus gewachsenen literarischen Schöpfungen — als „geliebtem Bergheim" einen unvergänglichen Platz in seinen Dichtungen gegeben hat, ohne darüber seine Geburtsstadt zu vergessen, ihr hat er in seinen Werken den nicht minder traulichen Namen „Heidach" zugeeignet. Und unter den Orten des in seinen Heimatromanen verewigten fränkisch-thüringischen Umlandes finden wir wieder: Schalkau als „Schottendorf", Effelder als „Ebenfelden", Almerswind als „Sülzdorf", Rauenstein als „Rollenstein", Görsdorf als „Gersdorf", Truckendorf als „Tiefenort", Grümpen als „Brumbach", Döhlau als „Lindenbrunn", Rückerswind als „Weiterzog", Fischbach als „Dit-terswind", Mittelberg als „Mühldorf", Schönstädt als „Altenhausen", Mönchröden als „Blumental", Oeslau als „Uhlstedt", Einberg als „Blumenrot", Tremersdorf als „Rottenstein", Neukirchen als „Dammsbrück", Rottenbach als „Mäuselbach". Der vom Bleßberg herübersprudelnden Itz gab Schaumberger den Namen „Wertha", die Effelder nannte er „Erlesbach", und mit der „Saar" meinte er die Grümpen. Der Thüringer Wald aber war sein „Gebirge".

Schon unmittelbar nach seiner Schulentlassung, da er auf dem vom Vater neben dem Lehrberuf verwalteten Hof der Eltern der Mutter einfache Knechtsdienste verrichten mußte, entstand Heinrich Schaumbergers erstes selbständiges Werk: „Die Sage von der Zerstörung der Schaumburg bei Schalkau". Diese Arbeit blieb allerdings ein Fragment, das erst durch den Neustadter Heimatschriftsteller Emil Herold seine Vollendung fand; denn sie stand im Schatten des Herzenswunsches, der sich dem Jüngling drei Jahre nach der Konfirmation erfüllen sollte: Er durfte Lehrer werden. 1864 absolvierte er das Coburger Lehrerseminar, und im gleichen Jahr noch erhielt er in Einberg seine erste Lehrerstelle. Aus ihr resultiert der Kontakt zu dem Seidmannsdorfer Kantor Bauer und dessen 18jähriger Tochter Clara, deren tiefe Veranlagung den 23jährigen stark beeindruckte. Als Heinrich Schaumberger in Ahlstadt auf den Langen Bergen eine für ihn verantwortungsvollere Aufgabe gefunden hatte, schloss das junge Paar am 16. September 1866 den Lebensbund. Das von echter innerer Zuneigung getragene Glück erfuhr jedoch schon nach zwei Jahren ein jähes Ende. Die junge Frau starb an Kindbettfieber, nachdem sie dem Sohn Karl das Leben geschenkt hatte.

Die menschliche und pädagogische Hingabe an seine Schulkinder, mit der der bereits anerkannte Erzieher des furchtbaren Schicksalsschlages Herr zu werden bemüht war, wurde im folgenden Jahr bereits verdüstert durch den Tod des Vaters, dessen Nachfolger Heinrich Schaumberger durch Berufung auf die nunmehr verwaiste Weißenbrunner Lehrerstelle alsbald wurde. Dass ihm diese Heimkehr nicht zum Trost geworden ist, hatte seinen Grund in der bereits in Ahlstadt offenbar gewordenen Tatsache, dass Heinrich Schaumberger vom unheilbaren Leiden der Mutter befallen war und damit selbst schon im Schatten des Todes stand. Dennoch sollte für ihn in Weißenbrunn ein neuer, entscheidender Lebensabschnitt beginnen. An seinem Anfang stand die Begegnung mit dem kunstsinnigen Ortsgeistlichen Oskar Bagge, der unter dem Pseudonym „Josias Nordheim" in die Heimatgeschichte unseres Coburger Landes eingegangen ist. Eine von gleichen Interessen und Neigungen getragene Freundschaft band die beiden Männer zunehmend aneinander, und dadurch wurde das Pfarrhaus zu Weißenbrunn v. W. dem einsamen 27jährigen Pädagogen zur zweiten Heimat Er fand hier jene vielfältigen geistigen Impulse und die verständnisvolle Förderung seiner schriftstellerischen Begabung, die für sein Dichterschaffen ausschlaggebend werden sollten. Unvergänglicher Beweis dessen ist der aus Pfarrer Bagges Anregung resultierende Weißenbrunner Roman „Im Hirtenhaus", dessen urwüchsig - heiteren Gestalten der Neustadter Heimatdichter Albert Arnold in seinem danach skizzierten Volksstück „Ein Dorfregiment" dramatischen Gehalt verliehen hat.

Die dritte Tochter Magdalena des väterlichen Freundes Bagge neigte Heinrich Schaumberger mehr und mehr verständnisbereit und liebevoll zu. Bevor er sich jedoch dazu entschloss, sie zu seiner Lebensgefährtin zu machen, unternahm er in Davos in der Zeit vom Juni 1871 bis April 1872 den Versuch, sein Leiden auszukurieren. Trotz Erfolglosigkeit nach anfänglich scheinbarer Besserung rang sich Magdalena zu dem kühnen Entschluss durch, „das Leben des überaus geliebten Mannes dem Tode abzuringen". Gemeinsam mit ihm kehrte sie im August 1872 nach der im Mai vollzogenen Heirat nach Davos zurück, geleitet von der Ermunterung des Vaters, der die außergewöhnliche Begabung Schaumbergers klar erkannt hatte.

Magdalenas aufopfernder Liebe und Pfarrer Bagges tiefer Verbundenheit ist es zu verdanken, dass die in der Davoser Schaffens- und Leidenszeit „unter tausend Schmerzen" geborene Dichtung Schaumbergers für die Nachwelt aufgezeichnet wurde.

Nach der erschütternden Trauerbotschaft vom Tode des Vaters und Schwiegervaters erlebte Schaumberger in Davos durch den Besuch seines Söhnchens Karl und durch seine ersten literarischen Erfolge eine letzte Freude. Zusammen mit der Erstausgabe des Romans „Hirtenhaus" empfing er die Korrekturabzüge seines ergreifenden Dorfromans „Zu spät". — Fürwahr zu spät, denn das Sterbelager hatte ihn bereits aufgenommen. Hier auch erreichte ihn — in letzter Minute noch — die Nachricht vom Erscheinen seines bedeutendsten Werkes, des Lehrerromans „Fritz Reinhardt" — seiner eigenen Lebensbeichte.

Um 54 Jahre hat die treue Hüterin seines Erbes, Magdalena Schaumberger-Bagge, den Dichter-Gatten überlebt 79jährig schloss sie 1928 die Augen in Dresden, wo sie als junge Witwe mit liebevoller Fürsorge den dort Bergbau studierenden Schaumberger-Sohn Karl betreut hatte auch ihm brachte sie Pin vergebliches Opfer, denn er stand ebenfalls im Todesschatten des väterlichen Leidens, das ihn im 23. Lebensjahr bereits dahinraffte.
 

Dass uns heute neben der von Hugo Möbius aufgezeichneten Biographie des Dichters die Werke Schaumbergers in neun Bänden überliefert sind, ist das Verdienst des 1949 verstorbenen Weißenbrunner Oberlehrers Heinrich Schmidt-kanz Seine 1929 erschienene Schrift „Heinrich Schaumbergers Bergheim und die Gestalten seiner Muse" ist für jeden Schaumberger-Freund ein unentbehrlicher Begleiter durch den Dichterort, dessen reizt alle fränkisch-thüringische Landschaft den Hintergrund nicht nur der vier Bergheimer Musikantengeschichten" sowie des Erstlings-Romans „Vater und Sohn" geprägt hat, sondern im wesentlichen aller Schöpfungen des stark heimatverwurzelten Dichter-Pädagogen, dem wir das wohl bedeutendste Charakterbild unserer engeren Heimat zu verdanken haben.

Werner  Ungelenk

Nachtrag: Mit Heinrich Schaumberger habe ich mich auch intensiv befasst, einmal durch eine Gemeinschaftswanderung mit dem Rennsteigverein im Jahre 1986, als wir das Schulhaus in Weißenbrunn besucht haben, damals durch Herrn Carl Fischer geführt. Auch habe ich im „Farnkraut“ mehrfach Schriften nachgedruckt, so die weihnachtliche Erzählung vom Besuch auf dem Land sowie „Die gesalzenen Krapfen“.

Nach anderen Quellen ist auch von “Lungenleiden” die Rede, wofür auch der aufenthalt in Davos spricht.

Schaumberger ist keineswegs der naive Schilderer ländlicher Idylle, mehr als ein “Heimatschriftsteller”. Vor allem nicht in dem bekannten „Hirtenhaus“, denn hier wird die „Gesellschaft von unten“ geschildert. Das Hirtenhaus ist das Armenhaus der Gemeinde. Ein ehrbarer Handwerker, der „Schreiner Lorenz“  gerät – wie wir heute sagen würden, infolge Strukturänderungen – in Not und muss mit seiner Familie das Armenhaus beziehen. Die Schilderung der Mitbewohner sowie auch der etablierten Dorfgesellschaft nehmen den Hauptteil des Werkes ein. Die Befreiung erfolgt in einem geradezu dialektischen Schritt – der Held des Romans findet neue Arbeit beim Bahnbau, ihm nutzt also die Entwicklung der Industriegesellschaft. Nicht zu vergessen: der Verleger der Werke Schaumbergers stellte ihm einen hervorragenden Illustrator zur Seite: Rudolf Köselitz (1861 – 1948). Auch dies ein Zeichen der Wertschätzung. Verdienstvoller Weise hat der „Veste-Verlag“ im Jahre 1993 einen Nachdruck eines im Jahre 1902 in Wolfenbüttel erschienen Büchleins von Hugo Christoph Heinrich Meyer über Schaumberger und Köselitz. Immerhin 250 Illustrationen hat Köselitz für Schaumbergers doch quantitativ überschaubares Werk geschaffen (so WIKIPEDIA 01/12).
 

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