ummerstadterblick

Bild oben: Wandergruppe der 80er Jahre am “Ummerstadter Blick”

nachstehend Bericht aus “Das Farnkraut” Nr. 4/1963 zur Einweihung des “Ummerstadter Kreuzes”

Geschichtlicher Rückblick zur  Kreuz-Weihe am Eichen-Bühl
 


Seit dem letzten Oktobersonntag grüßt ein Gedenkkreuz vom Eichen-Bühl bei Autenhausen nach Ummerstadt hinüber. Die als Flüchtlinge im Bundesgebiet lebenden Bürger dieser südthüringischen Kleinstadt haben es aus eigener Initiative erstellt. Sie wollen stets dann einen Kranz unter dem Mahnmal an der Zonengrenze niederlegen, wenn „drüben" in ihrem nur etwa tausend Meter entfernten Heimatort ein Verwandter oder ein Freund zu Grabe getragen wird, dem behördliches Einreiseverbot das letzte Geleit durch seine im deutschen Westen lebenden Landsleute verweigert. Annähernd 600 Ummerstädter haben die Gelegenheit wahrgenommen, der Vaterstadt in froher und wehmütiger Erinnerung zugleich wieder einmal ganz nahe zu sein.
Solche Rückerinnerung spricht auch die älteren Coburger an, denen Ummerstadt — die „Perle des Rodach-Grundes" — einst neben Heldburg und Bad Colberg begehrtestes Wanderziel im Westen unserer Heimat war. Ein Wanderziel typisch fränkischen Charakters.

Die Ummerstädter — in Sprache, Sitte und Volkstum uns Coburgern artverwandt — verdanken die Gründung ihres Heimatortes den Franken, die vor mehr als tausend Jahren gemeinsam mit missionierenden und kolonisierenden Benediktinern nördlich des Mains vorstießen, um ihren Lebensraum zu erweitern. Als „Underangun" — das Dorf unter dem Rangen — ist er 837 bereits urkundlich erwähnt. Der Name Ummerstadt ist ebenso nachweisbar nahezu 800 Jahre alt, abgeleitet von Humirstadt, Stätte des Humir, eines Adeligen, dem die von den Franken kolonisierte Ansiedlung unterstellt war.

Aufzeichnungen über den Henneberger Grafen Bertholt weisen Ummerstadt anno 1319 erstmals als „oppidum" aus, als Ort mit Wall und Graben und mit anerkannten Stadtrechten. Die letzte einer langen Reihe von Bestätigungen dieser mit dem Recht freier Märkte und eigener Gerichtsbarkeit verbundenen Privilegien stammt aus dem Jahre 1772, aus dem auch ein umfassendes Stadtbild datiert. Es gibt Aufschluß über die Befestigungsanlagen der Altstadt mit dem schützenden Doppel-Wallgraben, dem historischen Wehrgang und dem Turmstumpf des „langen Hans", über die Anlage dreier ehemaliger Tore (Oprator, Hirtentor. Rotes Tor) und der beiden ebenfalls uralten Marktplätze, über die landschaftlichen Reize der kleinen Stadt zwischen den Callenberger und Heldburger Forsten, über ihre fränkisch-trauliche Holz-Architektur, ihre malerischen Winkel, über den Arbeitsfleiß ihrer Landwirtschaft und Gewerbe treibenden Bevölkerung und über das blühende Leben der Zünfte des späten Mittelalters, von dem kunstvolle Zunftschilder aus dem Jahre 1715 am Rathaus bis in unsere Zeit hinein beredtes Zeugnis gaben und hoffentlich auch jetzt noch ablegen. Im Laufe der Zeit sind in dieser Stadt weitverzweigter Heimindustrie die Gewerbe der Tuchmacher und Leineweber, der Weiß- und Rotgerber, sowie der Pfeifenmacher und Nagelschmiede dem Trend zur Industrialisierung ebenso zum Opfer gefallen wie die Leim-, Knochen-und Massenmühle. Die Ummerstädter Töpfer aber haben ihren Handwerksruhm tapfer verteidigt und nicht minder ihren Ruf als Spaßvögel und Schlauberger, denen man mehr oder weniger berechtigt so manchen Schildbürgerstreich nachgesagt hat. Neben der Töpferei und dem handwerklichen Bedarfsschaffen ist schließlich die Landwirtschaft für die Ummerstädter zur Existenzgrundlage geworden.

Schmerzlich vermissen wir heute Ummerstadts jahrhundertealtes Wahrzeichen — den einst hochragenden Turm der spätestens um 750 auf dem Boden einer heidnischen Kultstätte errichteten und 1934 erst erneuerten Friedhofskirche, dem Schutzheiligen St. Andreas geweiht. Kulturhistorisch im Schatten der baugeschichtlich hochinteressanten Anlage dieser Bergkirche steht die 1503 erbaute Bartholomäus-Stadtkirche. Sie ist am Michaelistag 1632 ebenso in Flammen aufgegangen wie alle übrigen der furchtbarsten Brandkatastrophe in Ummerstadts Geschichte zum Opfer gefallenen Bauten: Rathaus, Schule, Diakonat sowie weitere 52 Häuser mit Nebengebäuden.
 

Während die im 18. Jahrhundert neu erstandene Stadtkirche alle Kriege, die seitdem auch unser Frankenland heimgesucht haben, nahezu unbeschadet überlebt hat, ist die Bergkirche in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges noch sehr schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Dabei hat Ummerstadt sein Wahrzeichen verloren. So, wie die Bürgerschaft den Restbestand des An-dreas-Kirchturmes restauriert hat, ist er jedoch auch jetzt noch ein markanter Blickpunkt für jeden, der von der Zonengrenze her seine Erinnerungen an frohe Erlebnisse im unvergessenen Ummerstadt pflegt.                Werner Ungelenk

Unten: Andacht und Feierstunde zum “Tag der Einheit” am Ummerstädter Kreuz am 3. Okt. 2008.

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Ummerstadt

20 Jahre später
 

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