Dr. Langer: „Kommt bald wieder!"

Oberbürgermeister Dr. Langer gab mit Blickrichtung zur Reithalle, dem Tagungsort der ersten Generalversammlung des Deutschen Nationalvereins (1860) sowie der Gründungsstätte der Deutschen Turnerschaft (1860) und des Deutschen Sängerbundes (1862) eine historische Würdigung der Kundgebungsstätte, an der sich nunmehr auch Deutschlands Wanderer zu ihren Idealen bekannten. Im Namen der Stadt Coburg, die „selten so fröhliche Gäste gehabt" habe, rief er den Wanderern humorvoll zu: „Ihr habt 50 Jahre gebraucht, um wieder zu uns zu kommen. Schämt euch und macht das nicht noch einmal! Kommt bald wieder!"

Anmerkung: der Wunsch sollte durchaus in Erfüllung gehen: schon 20 Jahre später, 1984, gab es wieder einen Deutschen Wandertag in Coburg, wenn auch dies Dr. Langer nicht mehr erleben sollte. Dr. Langer war szt. der dienstälteste OB in Deutschland und schied erst im Jahre 1970 mit 78 Jahren aus dem Amt aus. Er starb 1977 im Alter von 84 Jahren. Quelle: Christian Boseckert in www.coburg-life.de

Staatssekretär Dr. W e h g a r t n e r,

 der den bayerischen Ministerpräsidenten beim 64. Deutschen Wandertag vertrat, wiederholte bei dieser Kundgebung öffentlich die Würdigung, die er tags zuvor bereits beim Staatsempfang im Andromedasaal der Ehrenburg der „verdienstvollen Tätigkeit" und den „von gesunden Idealen getragenen Zielen" der deutschen Wandervereine hatte zuteil werden lassen. Den Wandertag bezeichnete Wehgartner - selbst ein Bergwacht-Pionier - als eine Dokumentation dafür, daß auch in unserer Zeit noch genügend Idealismus vorhanden sei, um im außerstaatlichen Bereich der Erhaltung von Gesundheit und Lebensfreude unseres Volkes zu dienen und die Allgemeinheit zur Ehrfurcht vor dem Werk der Schöpfung und zur Anteilnahme am Schicksal unserer Heimat und ihrer Menschen anzuhalten. Die Naturschutzarbeit der Wandervereine verdiene ebenso als „soziale Tat im besten Sinne" gewertet zu werden wie ihr Bemühen, durch das Wandern ein Gegengewicht gegen die Schäden unseres technisierten und motorisierten Lebens zu schaffen: „Das gehetzte Faulenzerherz beschert uns nur den Herzinfarkt!" Vieltausendfache Zustimmung fand die Feststellung Wehgartners: „Ein Kofferradio hat im Gepäck eines Wanderers nichts zu suchen!"

(Anmerkung: Robert Wehgartner, 1909 – 1974, von 1962 bis 1966 Staatssekretär im Innenministerium unter Ministerpräsident Alfons Goppel, zunächst übrigens als einziges und bisher historisch letztes Kabinettsmitglied der Bayernpartei Hinweis: Quelle für die Anmerkungen zur Person des Bundesministers für Verkehr und zur Person des bayer. Staatssekretärs Wehgartner ist WIKIPEDIA downl. 12/11)

Keine Zersiedlung der Landschaft

Eindeutig wandte sich der Staatssekretär auch gegen die Zersiedlung unserer Landschaft vor allem durch die Wochenendhäuser und die Landaufkäufe. Er anerkannte die Notwendigkeit eines Schutzes der Natur vor allen nicht unbedingt notwendigen Eingriffen der Wirtschaft und Technik und stellte fest: „Unser seelischer Lebensraum  verarmt,  wenn  unser äußerer Lebensraum verödet!"

Als nachwirkende Mahnung zur Vernunftüberlegung stand über dem Gesamteindruck, den diese Kundgebung hinterließ, das Wort Wehgartners:

„Eine Gesellschaftsordnung, die das Sozialprodukt als das hauptsächlichste oder gar alleinige Ziel ihrer Bemühungen herausstellt, erzieht zu einer Sklavenmoral. Freie Menschen haben auch noch andere Ideale auf zuweisen; Ideale, die nicht berechnet werden können, für die man träumt. Ein Wanderer aber hat immer ein Ziel, von dem er träumt!"

Gesinnungswandel tut not!

In seiner Schlußansprache appellierte Präsident Fahrbach nach der Verkündung der Hauptforderungen des Verbandes an die deutschen Wanderer, den Wandergedanken in alle Familien weiterzutragen und dafür zu sorgen, daß im Interesse einer möglichst raschen Verwirklichung der Verbandsforderungen ein Gesinnungswandel der Menschen eintritt.

So sehr dieser Coburger Wandertag getragen war von der allen Wanderern eigenen und mitreißenden Lebensfreude, so deutlich lag über dem gesamten Ablauf der Tagung auch die Sorge ob der großen Gefahr für die gesamte Menschheit, die Verbundenheit zu Natur und Heimat zu verlieren. Mit dieser Sorge verknüpften sich aufs engste die immer wieder in die Sowjetzone hinüberwandernden Gedanken, die wiederholt in Grüße an die Schwestern und Brüder jenseits des Eisernen Vorhangs zusammengefaßt wurden. Oberbürgermeister Dr.  Langer   verband     Staatskörper  schlägt.   Geblieben   ist bereits beim Wimpelempfang mit der Feststellung, daß Coburg „wie ein Leuchtturm nach drüben schaut"   und   sein Marktplatz - wäre die Zonengrenze  nicht  -   „die  Besucher  aus Thüringen nicht fassen könnte", die Ermahnung an die Wanderer, fest zu bleiben in ihrem Bund guter und menschlicher Kameradschaft, weil unsere Zeit der Nachbarschaft bedürfe. Nur mit reinem Herzen könnten wir die Wache bestehen,  auf die uns das Schicksal gestellt habe.

„Ich spreche hier zu Euch, deutsche Wanderer, und für Euch zugleich zu unseren Freunden drüben, wenn ich dem großen Schmerz Ausdruck geben, den wir in diesem Augenblick empfinden, in dem unsere Herzen und unsere Gedanken bei den Menschen weilen dort in einem Lande, das wir nicht mehr ein freies Land nennen können. Ein unsereLiebe zu den Wäldern Thüringens. Das Ziel eines jeden unserer Wanderwege heißt Deutschland!"

Mit dem Blick nach Thüringen erklärte bei der Schlußkundgebung an der Alexandrinenhütte Präsident Fahrbach, der schon beim Wimpelempfang hervorgehoben hatte, daß der Wandertag nach Coburg gekommen sei, „um hier den mitteldeutschen Freunden ganz nahe zu sein":

Liebe zu Thüringens Wäldern

Franz G e ß l e i n knüpfte beim Begrüßungsabend des Thüringerwald-Vereins an eine Rückbesinnung an den 26. Deutschen Wandertag vor genau 50 Jahren ebenfalls in Coburg die Fragestellung: „Was ist inzwischen alles geschehen? Was blieb von den 12 000 Mitgliedern unseres Traditionsverbandes?" In ernster gedanklicher Verbindung zu den Nachbarn jenseits der blutenden Grenze fuhr Geßlein fort: „Vor den Toren unserer Stadt trennt diese Grenze das deutsche Land, dessen .Grünes Herz Thüringen' in einem anderen um so tieferes Gefühl der Zusammengehörigkeit verbindet uns mit ihnen, denen wir von dieser Stelle aus die Versicherung geben können, daß uns dieser Coburger Wandertag die Kraft der Zusammengehörigkeit gestärkt hat!"

Mut zur Wiedervereinigung

Kreisrat Richard Hauptmann machte sich in Vertretung Landrat Kaemmerers zum Sprecher der Bevölkerung des Coburger Landes, als er den Wanderfreunden auf der Sennigshöhe zurief: „Wir danken Ihnen, daß Sie als Menschen mit Herzen, für die das Zonen-Stopschild keine Gültigkeit hat, hierher zu diesem schönsten, wenn auch mit "Wehmut erfüllenden Punkt unserer Heimat gekommen sind. An dieser Stelle und in diesem Augenblick wird das tragische Schicksal des deutschen Volkes zum sichtbaren Ereignis. Aber wer will uns hindern, unser ganzes Deutschland geistig zu durchwandern? Sie, deutsche Wanderer, haben uns mit diesem Wandertag in unserem Willen zu glücklicher Wiedervereinigung wesentlichen Mut gemacht!"

Schweigeminute mit Blick nach drüben

Georg Fahrbach dankte Richard Hauptmann als einem „Mann, der drüben stärkste "Wurzeln hat, die nicht abreißen". Mit der Nennung der Heimat Hauptmanns - des Riesen-und Erzgebirges - begann Fahrbach den traditionellen Aufruf der Berge im gesamtdeutschen Raum. Die Vertreter der aufgerufenen Berglande antworteten mit deutlichem „Hier". Eine Schweigeminute mit Blick auf die Thüringer Berge und die Übergabe des Wander-tags-Wimpels an Franz Geßlein beschloß die Gedenkstunde, die der Ehrenvorsitzende des Thüringerwald-Vereins, Carl Escher, mit herzlichen Grußworten und mit einem kurzen Abriß der Hüttengeschichte eingeleitet hatte.

Anmerkung: auch der 84. Deutsche Wandertag in Coburg stand in diesem Zeichen, Motto damals “Wandern über Grenzen”. Dass dies in kurzer Zeit, gemessen an Maßstäben des Historikers, möglich sein sollte, ahnte damals 1984 niemand.

 

Begrüßungsabend und Laienspiel

Aufbau und Ablauf des Begrüßungsabends am 4. Mai - neben dem Laienspielabend (5. Mai) der Hauptbeitrag des Thüringerwald-Vereins zu den Veranstaltungen des Wandertags - werden nach dem Urteil des „Coburger Tageblattes" als ruhmvolles Ehrenblatt die Chronik des gastgebenden Vereins zieren". - Die Coburger „Neue Presse" wertet den gleichen Abend als einen „Genuß für Auge und Ohr" und das, was mit der Aufführung des „Fränkischen Liederspiels" geboten wurde, als „die innere Landschaft, die die Franken eigen haben".

Der bereits zwei Stunden vor Veranstaltungsbeginn „gestürmte" Hof bräu-Festsaal war hoffnungslos überfüllt (Hunderte fanden keinen Einlaß mehr), als G e ß l e i n den erwartungsfrohen Gästen den Willkommensgruß entbot,

Vor 50 Jahren dabei gewesen

Bei seiner Rückerinnerung an den 26. Deutschen Wandertag (1913 ebenfalls in Coburg), meldete sich unter dem Beifall der Gäste als einziger, der damals schon dabei war, der heute noch aktive Thüringerwald-Vereins-Wander-führer Heinrich Sorge. Bei der Schlußkundgebung auf der Sennigshöhe konnte sich Oberlehrer i. R. Carl G e u ß durch das Festabzeichen von damals gleichfalls als Teilnehmer am Wandertag vor 50 Jahren ausweisen.

„Etwas Geschichtsunterricht" über „Coburg in Vergangenheit und Gegenwart" erteilte Oberbürgermeister Dr. Langer den Wandertagsteilnehmern, deren Herzen er sich bereits durch seine humorvollen Ansprachen bei Wimpeleinzug und Stadtempfang erobert hatte.

„Fränkische Liederspiel"

Heller Jubel dankte dem besinnlich heiteren .Fränkischen Liederspiel' (nach Franz Möckls Bearbeitung und unter seiner Leitung) mit verbindenden Texten aus Friedrich Hofmanns ,Quäckbrünnla', mundartlich eingeflochten von Gerhard Wohlleben und mit Original- l Chorlieder fränkischer Mentalität. Die l Folklore des fränkischen Landes unterstrichen die von Baßbariton Heinz Schwanecke voluminös und souverän eingestreuten Volkslieder. Frankens Tonwelt brachte das Bläser-Streicher-Ensemble des Landestheaters in präzisem Zusammenspiel zum Erklingen. - Famos produzierte sich Wolfgang B ö r n e r als ganz, ganz junger Akkordeon-Musikant. Mit beschwingten Volkstänzen hatte Wilhelm P i n z-ler (Medau-Schule) die Fechheimer Tanzgruppe der bayerischen Landjugend in die kurzweilige Spielfolge eingebaut, während Karin Küsters (Medau-Schule) der Wanderjugend des Thüringerwald-Vereins flotte Akzente des volkstümlichen Tanzes vermittelt hatte. Hinter den Kulissen leitete Erich Bauer das Gesamtgeschehen des gelungenen Abends.

Viel Freude durch Laienspiel

Der ebenfalls sehr gut besuchte Laienspielabend bot überaus dankbar aufgenommene Anregung zur Bereicherung der Vereinsarbeit. Musikalisch umrahmt mit „Improvisationen über Volkstanzweisen", ausgezeichnet vermittelt von den noch recht jungen Musikanten des Spielkreises Heldritt um Lehrer Knut G r a m ß, ging zunächst der zeitkritische Sketch „Dunkelrote Rosen" in Szene, programmgerecht „ergreifend dargebracht" von Fred U h l, Brigitte Barnickel, Gudrun Pfeiffer, Brigitte K o p s c h, Siegfried Meyer, Wilh. Bauer, Günter Kachel und Günther Volk. Mit ihrer Improvisationsfreude und ihrem Spieleifer überbot sich die Wanderjugend wahrhaftig selbst. Sie fand ebenso dankbare Anerkennung wie der Hauptverein mit der Aufführung der Quensel-Komödie „Dienstjubiläum". Neben Ernst B r e h m, der den von kulinarischer Gewissensnot gepeinigten Oberholzhauer Haberstock prächtig typisierte, und Mile R e i c h a r d t, die als Ratsch-Tante Ewald den mißglückten Mundraub meisterhaft zu einer Dieb-stahls-Affäre hochzuspielen verstand, teilten sich in die Aufregung Cläre L e i p o l d, Brigitte Schmidt, Reiner Probst und Werner Ungelenk. Die Anregung, durch das Laienspiel Freude zu schenken, wurde von allen Beteiligten mitreißend interpretiert.

Einer für alle

Dank und Anerkennung für den Verein

In der Person des Vorsitzenden und seiner Gattin wurde der Thüringerwald-Verein dafür ausgezeichnet, daß er „hervorragende Arbeit" bei der Vorbereitung und Durchführung des 64. Deutschen Wandertages geleistet hat. Ebenso wie dem Verbandspräsidenten Georg Fahrbach überreichte Oberbürgermeister Dr. Langer die Medaille „Die Stadt dankt" sowie ein Stadtbuch mit Widmung an Franz G e ß l e i n mit dem Bemerken, daß dieser in den „sauren Wochen" vor dem Wandertag „einige Pfund abgenommen hat, so sehr hat er gearbeitet". Frau Geßlein, die „niemals zu ihrem Mann gesagt hat: Nun habe ich es aber satt!", erhielt — stellvertretend für alle einsatzfreudigen Wanderkameradinnen — vom Verband ein Buchgeschenk und aus der Hand des OB einen Nelkenstrauß sowie einen Stich von Coburg. Fahrbach verlieh Franz Geßlein auf Beschluß der Vertreter-Versammlung die silberne Ehrennadel des Verbandes. Eine abschließende Würdigung der Leistung des Vereins verband Fahrbach — „froh und zufrieden, daß ich mich nicht ärgern mußte" — beim Laienspielabend mit weiteren Buchpräsenten für den „unermüdlich einsatzbereiten" Ehrenvorsitzenden Carl E s c h e r , den 2. Vorsitzenden Arno Volk, „der stets zuverlässig in der Stille arbeitet", den um die Unterbringung der Wandertags-Teilnehmer besonders verdienten Verkehrsdirektor Gerhard Fuhrmann, sowie für Paul K o s t k a und Werner Ungelenk. Auch diese Anerkennungen galten dem Verein in seiner Gesamtheit.

Grüße von Gerhard Hein

Verbandsjugendwart   Gerhard   Hein entbietet   der   Coburger   Wanderjugend   ein herzliches „Frischauf!" In einem Schreiben an den Vorsitzenden des Thüringerwald-Vereins heißt es im Rückblick auf den Wandertag u. a.: „Noch einmal bedanke ich mich recht herzlich für die wirklich ausgezeichnete Durchführung des Wandertages. Bei allen Jugendleitern und Jugendlichen, mit denen ich inzwischen sprechen konnte, hat dieser Coburger Wandertag einen   tiefen   Eindruck   hinterlassen.   Gefreut habe ich mich auch über Eure prächtige Jugendgruppe, in der Ihr einen guten, ausbaufähigen Stamm habt!"

 

 

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