„Das Farnkraut“ Nr. 4/1994

Eine Tradition, die sich gehalten hat, ist die “Weinwanderung” alljährlich meist im September. Bei dieser Berichterstattung unterzog ich mich der Mühe, die bekannten Weinbergslagen mit der Namensherkunft zu erläutern.

Die Frankenweinkarte abgewandert

Wipfeld, Obereisenheim, Untereisenheim, Escherndorf, Nordheim, Hallburg, Sommerach, Volkach... klingt das nicht wie eine fränkische Weinkarte? Es waren dies aber die Stationen der frühherbstlichen Wanderung des Thüringerwald-Vereins Coburg „um die Volkacher Mainschleife". Die Vorbereitung und Führung oblag Wilhelm Bauer. Wer sich in diesem Landstrich aufhält, der wird immer wieder die prachtvollen Bauwerke bewundern können, die davon zeugen, daß der Weinbau ihren Bewohnern schon immer Wohlstand beschert hatte. Besonders gilt dies für die größeren Gemeinden wie etwa Volkach, wo auch der Handel mit dem Rebensaft blühen konnte. Viele der Orte können auf eine sehr lange Geschichte zurückblicken, die Mainschleife wurde schon in der Karolingerzeit besiedelt.

Die Symbolfigur Wipfelds, des Ausgangsorts unserer Wanderung, ist der „Zehntgraf". Tatsächlich saß dort bis 1802 ein solcher, der die Abgaben für den Würzburger Fürstbischof überwachen sollte.

Nur das Wetter an jenem Sonntag war nicht so, wie man es sich für eine frühherbstliche Wanderung in Weinfranken vorstellt. Für die Jahreszeit viel zu kalt und stundenlanger Nieselregen, das erwartete die Wanderer, als sie in Wipfeld aus dem Bus stiegen. Dies tat der guten Laune keinen Abbruch, die sich noch steigerte, als sich herausstellte, daß ein Wanderer während der Busfahrt ohne es zu bemerken in einer Tee-Lache gesessen war, die aus einer defekten Thermosflasche hervorgegangen war.

Höllisch soll es in Obereisenheim zugehen, dem nächsten Punkt der erwanderten Weinkarte. Wie zu erwarten, rankt sich eine Sage um den Weinbergsnamen „Höll", in welcher der Teufel eine unrühmliche Rolle spielt. Er soll sich - überlistet - nur mit dem Versprechen freigekauft haben, fortan den Weinberg von unten aufzuheizen. Obereisenheim nimmt für sich in Anspruch, in Franken Ursprung des Silvaneranbaus zu sein.

Die Sonne regiert dagegen Untereisenheim, das wir als nächsten Ort erreicht haben, denn „Sonnenberg" heißt die bekannte Weinlage.

Für uns aber nieselte es weiterhin unentwegt.

Der idyllische Weinort Fahr grüßte vom anderen Mainufer, als an der engsten Stelle der Mainschleife ein Anstieg bis zur Höhe der nahen Vogelsburg bewältigt wurde.    Unterwegs    begegneten    die Wanderer Wallfahrern aus Dettelbach. Wetterbedingt wurde auf einen Abstecher zur nahen Vogelsburg verzichtet. Kurz vor der Mittagseinkehr in Escherndorf hörte der Regen dann doch auf. Escherndorf trägt für Freunde des Frankenweines einen der klangvollsten Namen überhaupt.  Auf  den   „Lump"-Flaschenetiketten wird meist ein Vagabund abgebildet, der Name soll jedoch entstanden sein, als in einer vorweggenommenen Flurbereinigung viele „Lappen", d.h. kleinste Weinberggrundstücke zu einem großen „Lumpen" vereinigt wurden. Die Mittagseinkehr in Escherndorf stellte voll zufrieden, zumal man auch den „Bremser" probieren konnten. Nachmittags wurde zunächst der Main per Fähre überquert. Nordheim und Escherndorf werden durch eine der letzten Mainfähren miteinander verbunden.

Im gegenüberliegenden Nordheim bestand Gelegenheit, anhand eines Weinlehrpfades die einzelnen Rebsorten näher kennenzulernen. Nordheim gilt als der Weinbauort mit der größten Rebfläche (600 ha), Lagen „Vögelein" und „Kreuzberg". Allerdings bedeutete die Flurbereinigung hier einen Kahlschlag in der Weinbergslandschaft. Der Name wird darauf zurückgeführt, daß Nordheim im Norden einen sehr alten fränkischen Siedlungsgebietes lag, Ostheim (später Astheim) lag im Osten und Sommerach im Süden (= Gewässer an der Sonnenseite).

Der Wander- oder Spazierweg von Nordheim zur Hallburg ist ungemein reizvoll; er kann mit der ausgeräumten Landschaft versöhnen. Unvergleichlich der Ausblick auf Volkach, die Konstitutionssäule bei Gaibach, die Wahllfahrtskapelle Maria im Weingarten.

Bald war der Nordheimer Kreuzberg erstiegen.

Sehenswert ist auch die nahegelegene Hallburg. Der mächtige Bergfried stammt aus dem 13. Jahrhundert. Seit 1806 ist das Schloß im Besitz der Grafen Schönborn. Es wurde zu einer sehr beliebten Ausflugsgaststätte, die auch kulturelle Veranstaltungen bietet.

Die Wanderer wechselten dann in den Weinbergen zu den Sommeracher Lagen und erreichten im Abstieg auch diesen bekannten Weinort. Hier waren immerhin bereits 18 km bewältigt. Sommerach wurde Weinfreunden durch seinen „Katzenkopf" bekannt. Der Name soll aber nicht von einem Vierbeiner, sondern einem hier ursprünglich begüterten Adelsgeschlecht herrühren. Die Rebfläche beträgt 220 ha. Auch Sommerach bietet einen Rebsorten-Lehrpfad. Teilweise erhalten ist die einstige Ortsbefestigung mit Mauern und zwei Tortürmen. Besonders sehenswert sind einige alte, stattliche Häuser im Ortskern (Schwarzacher Zehnthof, Schultheißenhaus u.a.). Die Wanderer waren noch nicht müde und so wurden noch einige km angehängt, und zwar entlang des Schiffahrtskanals, der den Wasserweg zwischen Schwarzach und Volkach abkürzt. Die Wanderung am Kanal entlang ist etwas eintönig, nur gelegentlich passiert ein Schiff. Gegen Ende der Wanderung grüßte vom anderen Mainufer Astheim. Weithin berühmt ist die dortige Kartause, das ehemalige Kartäuserkloster. Erhalten ist die spätgotische Klosterkirche sowie die Prokuratie, ein sehenswerter Renaissancebau. Astheim ist, wie viele Orte um die Mainschleife, sehr alt, wird um 888 erstmals erwähnt.

Am Ende dieser gelungenen Wanderung lohnte die Einkehr in Volkach alle Mühen und ließ die Wetterunbilden vergessen. Um den Glanzpunkt Volkach näher zu besichtigen, waren die Wanderer denn nun doch zu müde, vermutlich war er der Mehrheit auch hinlänglich bekannt. Des großen Zuspruchs wegen steht auch 1995 eine Wanderung in „Weinfranken" mit Wilhelm Bauer auf dem Programm.

 

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